2000 Kilometer weiter nördlich

Montag, 01.12.2014

Nach ich die Familie Biel leider verlassen habe, ging es für mich weiter Richtung Norden in Kanadas fünfgrösste Stadt ...

Hello Edmonton!

Dort verbrachte ich dann drei Tage. Die Fahrt dahin war aber schon einzigartig. Nachdem ich auch Sarah und Ramona auf Wiedersehen sagen musste, konnte ich mittels Greyhound noch circa zwei Stunden im Bus verbringen. Zuvor hat es ja aber noch etwas geschneit, dementsprechend sah der Highway auch aus. Besonders auffällig waren dabei die vielen Reifenspuren neben der eigentlichen Fahrbahn, die nach einigen Metern wieder auf die richtige Strecke zurückführten. Teilweise nicht nur ein oder zwei Meter, sondern manchmal ganze 5 Meter Richtung Seitengraben oder über die Mittellinie ... Und im nächsten Moment fuhr dann auch noch ein schlingernder LKW am Bus vorbei, mit einem Aufkleber auf der hinteren Ladeklappe: "Tell me how I drive", und einer Telefonnummer daneben ... als der Trucker uns dann noch einmal bedenklich nahe kam, sagte unser Busfahrer nur: "Do this again, and I will call you, son of a bi...." ... Nun ja, wo er Recht hat ...  

In Edmonton angekommen musste ich schnell überlegen, ob ich an der South oder North Station aussteigen möchte. Vorher habe ich mal recherchiert und festgestellt, dass mein Hostel relativ in der Mitte der beiden Stationen liegt ... South Station lag etwas entfernt vom Stadtzentrum. Also entschied ich mich im Norden auszusteigen, um eventuell gleich noch etwas von Downtown Edmonton mitzubekommen.
Nun ja, diese Entscheidung war mit den Worten "gut und naheliegend' sehr wohlwollend umschrieben ... North Station lag wirklich zentral im Stadtkern, so weit so gut. Jedoch musste ich bei meinem Weg zurück nach Süden das River Valley um den North Saskatchewan River durchqueren - heisst, Berg runter, über die Brücke und drüben wieder hoch. An sich nicht schlecht, das Gepäck liess es bei - 20 Grad aber zu einer echten Härteprüfung werden!
Als ich auf der Brücke war und den Fluss unter mir beobachtete (er trug enorme Eismassen auf der Oberfläche!), fuhren die meisten Autos nur ganz langsam neben mir. Warum, das sollte mir Chris wenig später erklären  
Als ich nach einer Stunde Fussmarsch im Hostelling International ankam, war mein Sandwich gefroren ... mein Shampoo auch, wie ich wenig später beim Duschen feststellte. Ups!  

Im Hostel traf ich nach meinem Check-In aber augenblicklich tolle Leute. So zum Beispiel Owen aus Ontario, der Biologie studierte und meist in Arizona und Nevada auf Schlangenjagd geht, um diese zu melken zur Herstellung von Gegengiften. Dann war da noch Ryan aus Vancouver, der mir tolle Tipps mit auf den Weg gab, sollte ich mal in die Gegend um Vancouver kommen. Am zweiten Tag traf ich dann noch einen Typ aus Wisconsin, der ebenfalls Biologe war und die letzte Zeit in den Rocky Mountains Grizzlybären erforscht hat. Wirklich faszinierend, wen man auf Reisen trifft und was man noch so dazu lernt! Am meisten mochte ich aber Ben aus dem südlichen BC, der mich am Folgetag zuerst durch Edmonton führte, unter anderem entlang der berühmten Whyte Avenue und dann meinen Einkaufswünschen (ihr erinnert euch, ich brauchte Winterklamotten) nachging und mit mir in die West Edmonton Mall, Nordamerikas grösstes Einkaufszentrum fuhr. Und holy shit, diese Mall ist riesig! So gross, dass man unter anderem eine Eislaufbahn, ein Erlebnisbad, unzählige Läden und sogar ein massstabsgetreues Piratenschiff darin unterbringen konnte ... Na ja, für mich war es einfach nur zu gross und zu viel und etwas Brauchbares konnte ich an diesem Tag auch nicht erstatten. Also schlossen wir den Tag im Canadian Brewhouse, einer Bar, ab. Nettes Lokal und das kanadische Bier ist gar nicht mal so übel, im Vergleich zum amerikanischen Gesöff. 

The Canadian Brewhouse

Nach einem langen Abend war dann am nächsten Tag mein Trip mit Chris Biel geplant. Wie mir dieser Typ fehlen wird  Wir hatten eine Menge Spass zusammen und wurden auch schnell fündig bei unserem Shoppingexkurs. Mein Budget war mit 200$ angesetzt für Schuhe, Mütze und Handschuhe, jeweils kanadatauglich versteht sich! Mit knapp 120$ Ausgabe habe ich dann die Southgate Mall verlassen, zufrieden und gerüstet für -40 Grad Celsius! 
Chris erklärte mir auch noch die Sache mit der Brücke und den Autos ... Eine der Brücken über den Fluss ist sehr hoch und wird von Selbstmördern gern als Startpunkt für einen Sprung ins Eiswasser genutzt. Ich befand mich aber auf der niedrigeren von beiden. Mit meinem ganzen Gepäck sah ich für Vorbeifahrende anscheinend aus wie einer, der bisschen mehr Gewicht zum Untenbleiben braucht. Laut Chris fehlte dem Langsamfahren der Autos nur noch der Ausruf "Ey du bist auf der falschen Brücke!" ... nun war auch das Rätsel geklärt und nochmals zum Festhalten: Nein, ich hatte keine Sprungabsichten!

Am Folgetag verliess ich Edmonton gegen Abend wieder. Nicht aber ohne noch einmal ein ungeplantes Abenteuer einzulegen ...
Laut Ticketplan (der etwas ungünstig formuliert war) sollte mein Bus von der South Station abfahren, die ja auch noch in laufgünstigerer Distanz lag. Welch Glück, dachte ich mir, und machte mich (zum Glück!) vor lauter Langeweile etwas eher auf die Socken zum Bus. Als ich nach einigem Suchen (an dieser Stelle vielen Dank an die Deppen von GoogleMaps) dort ankam, bemerkte ich schon, dass nicht das übliche Greyhound-Zeichen, sondern nur die Aufschrift Greyhound-Courier auf den Schildern stand ... Die Dame sperrte ihren Laden soeben zu und konnte mir glücklicherweise noch mitteilen, dass ich falsch bin und zur North Station muss ...  ... Okay, diese 3,5 Kilometer Fussmarsch nach Süden waren also umsonst. Ich hatte ja aber noch viel Zeit, und der Geiz überzeugte mich dann nicht den Bus oder ein Taxi zu nehmen, sondern nach Downtown Edmonton zu laufen ... heisst: 3,5 Kilometer zurück zum Hostel, und dann noch die bereits bekannten 3,5 Kilometer nach Downtown Edmonton ... An diesem Tag habe ich also locker 10 Kilometer Marsch mit vollem Gepäck zurückgelegt und war in North Edmonton dann auch sichtlich bedient ... aber immerhin an der richtigen Station. In solchen Momenten muss man sich dann wahrscheinlich einreden, dass man wenigstens etwas für die eigene Fitness getan hat, andererseits würde man sonst verzweifeln. Also abhaken, und weiter gehts.

Beim Warten auf den Bus traf ich dann Dough London/Ontario, der auf seinem Weg nach Norden war. Wir sprachen ein bisschen und verstanden uns prima. Er bot mir an, bei ihm in Ontario vorbeizuschauen im Sommer, wenn ich Bock auf Arbeiten haben sollte. Zurück nach Ontario ... ich weiss nicht ... ich würde dafür meiner Reiseroute noch mal einen erheblichen Knick verleihen ... dann meinte er, dass er mir 25 $ Stundenlohn zahlen würde  ... so schlecht war Ontario doch gar nicht  ... Schauen wir mal, was daraus wird. Ich werde dran bleiben 


Genug von der grossen Stadt, zurück zur Natur
... und zwar nach Jasper in die Rockies!

Jasper, Alberta

Nach etwas mehr als fünf Stunden Fahrt, kam ich im beschaulichen Jasper in Alberta an. Das erste, was mir auffiel, war die extrem reine Luft, absolut kein Vergleich zu den Tagen zuvor! Also erstmal tief durchatmen und die erste Nacht in den Rocky Mountains geniessen. Ja, mehr war zu dem Zeitpunkt auch nicht möglich, denn es war 2 Uhr morgens, keine Sau war auf den Strassen unterwegs und ich durfte nun das Haus suchen, in dem ich die kommenden Nächte zubringen sollte. An dieser Stelle vielen Dank an familiäre Kontakte, die es mir ermöglichten, bei einem Schulfreund von meinen Cousinen unterzukommen! Mein weiterer Dank gilt auch wieder den Leuten von GoogleMaps ... Im nächsten Leben bitte weniger Kreide holen und dafür mehr Muse im Job investieren!
Das Haus gegen 2 Uhr morgens in einer 6500 Seelen-Gemeinde zu finden, sollte mittels Karte nicht schwierig sein. Insofern Karte und Adresse übereinstimmen  Adresse war richtig, Karte nicht! Demnach durfte ich dann noch einige Minuten länger suchen, als geplant. 
Das war nicht weiter schlimm, nur fand ich alle paar Meter frische Hinterlassenschaften von den unterschiedlichsten Tieren ... und um mich herum knackte es des öfteren ... nicht gerade behaglich gewesen mit vollem Gepäck auf den Schultern  Keine Ahnung wie oft ich mich in dieser Nacht umgedreht und umgeschaut habe, immer wachsam nach der kleinsten Bewegung..
Als ich das Haus dann irgendwann endlich fand, war ich mehr als beeindruckt! Mein Gastgeber, Karsten, lebt in einem 1 Jahr alten Haus und bot mir ein eigenes Zimmer an. Wow, das Haus war wirklich wahnsinnig toll und ich bereute es ein wenig, meinen Bus schon gebucht zu haben, der mich bald wieder aus Jasper wegbringen sollte ... That is life, eh?! 

Karsten ist von Beruf Lokführer und machte sich gleich nach meiner Ankunft auf den Weg zur Arbeit. Am folgenden Tag sollte ich seinen Mitbewohner kennenlernen. Ich fühlte mich auch hier von der erste Sekunde an zu Hause! 

Am Morgen danach wachte ich zeitig auf, geweckt wurde ich von der Sonne durch das Rollo. Als ich das Rollo hochzog wurde ich vom wohl schönsten Anblick willkommen geheissen, der einem nach einer 4-Stunden-Nacht begegnen kann ...

Good morning, Jasper

So sah es beim Blick aus meinen Zimmer aus. Um mich herum nur Berge und Natur. Der Wahnsinn! 
Beim Frühstück traf ich seinen Roommate Marek aus der Slowakei. Was ein cooler Typ, wie Karsten ein Outdoor-Fanatiker und leidenschaftlicher Family Guy Fan (Insider wissen Bescheid, der Rest kann ja mal bei Youtube vorbeischauen ). So verbrachten wir den kompletten Vormittag mit Netflix und dem anschauen von einer Folge nach der anderen. Das tat gut, nach langer Zeit mal wieder etwas TV zu schauen und sich berieseln zu lassen von sinnfreiem Amifernsehen! 

Gegen Mittag machte ich mich dann auf zu meiner Erkundungstour durch und um Jasper. Dazu wanderte ich den Discovery Trail entlang, circa 8 Kilometer um die Stadt. Wow, dabei sind geniale Ausblicke zu bestaunen und Sonne, Schnee und Wildlife machten dies zu einem aussergewöhnlichem Erlebnis! 

Auch der nächste Tag war sehr abenteuerreich gestaltet! Karsten und seine Freundin Annie nahmen mich mit zum Skifahren! Unbeschreiblich, in den Rockies Ski zu fahren! Ohne Worte ...

Marmot Basin, Jasper

Definitiv eines der Highlights meiner kompletten Reise bisher! Danke Karsten und Annie für diesen Tag und auch insgesamt für die so angenehmen Stunden in deinem Haus!

Smile

Am Folgetag nahm mich der Bus um 6 Uhr morgens wieder mit zurück nach Edmonton. Wie gesagt, ich bereute es ein wenig, diesen Bus schon gebucht zu haben ... Aber Karsten meinte, ich sei immer willkommen und damit nehme ich ihn gewissermassen beim Wort  Denn sollte sich mir die Chance ergeben, nochmals nach Jasper zu fahren, so werde ich sicherlich nicht nein sagen! 

The Big Ride

Nun stand eine grosse Herausforderung vor mir ... von Jasper aus knappe 2000 Kilometer Richtung Nordwesten ins Yukon Territory - mit dem Bus. Klingt nach viel und davor hatte ich auch etwas Respekt. Zwei Tage später kam ich dann endlich in Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon an und konnte feststellen, dass die Fahrt weniger schlimm als erwartet war. Im Gegenteil. nach längerer Wartezeit in Edmonton ging es bis zur Stadt Grande Prairie, wo es die längste ungeplante Verzögerung gab. Erklärung dafür ist die sich momentan schon auf Hochtouren befindende Weihnachtssaison, wo jeder mit Greyhound noch ein paar Pakete verschicken möchte und dabei viel Zeit in Anspruch genommen wird, zum Nachteil der Fahrgäste. 
Danach ging es weiter nach Dawson Creek in British Columbia, wo wir bei Mile 0 des berühmten Alaska Highway (Highway 1) starteten - leider ohne Foto ... vielleicht ja dann beim Rückweg. Dieser Highway wurde in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges ausgebaut. Von Dawson Creek ging es weiter Richtung Fort Nelson, BC. Kurz davor machten wir eine Pause bei Buckinghorse River, wo ich in einem typischen Truckstop einen megaleckeren Burger essen konnte. Das Wetter wechselte während der Reise nach Whitehorse von dichtem Nebel, über dicke Wolken bis hin zu starkem Schneefall. Der Alaska Highway bot allerlei Interessantes zu sehen. Vor allem bei Nacht. Als wir bei Watson Lake die Grenze zum Yukon überschritten, machte ich mittlerweile mehr Tiere auf der Strasse als Menschen aus ... mehrere Füchse, einen Elk, mehrere Moose, ein paar Deers und sogar einen Bären (was zu dieser Jahreszeit sehr untypisch ist) konnte man mehr oder weniger sehen. Schon zu diesem Zeitpunkt hat sich die Reise hier hoch für mich gelohnt gehabt.
Und das obwohl ich seit Jasper keine Steckdose und kein Internet mehr zur Verfügung hatte. Aber hey, ich habe es mit 15% Akkuleistung von Edmonton bis Whitehorse durchgehalten, beinahe zwei Tage also  Okay, ich musste auch auf jegliche Bilder und meine Musik verzichten, aber ich habe es überlebt. 

Welcome to Whitehorse!

In Whitehorse kam ich dann gegen 4 Uhr morgens an und wie zu erwarten war ich eine der einzigen Personen auf der Strasse. Nichtsdestotrotz ging mit den vielen weihnachtlichen Lichterketten, der frischen Luft der Berge, dem Rauschen des Yukon und der übersichtlichen Stadtstruktur ein grosser Charme von diesem Ort aus. Check-In für meine erste Hostelnacht war gegen 8 Uhr morgens ... Tim Horton's sei Dank, ich konnte die Zeit bis dahin im Warmen und mit Strom und Wifi (!) überbrücken! Genial, jedoch merkt man dann erst einmal, wie abhängig man doch mit der Zeit von Technik und Co. als Mensch wird und wie man dann bei plötzlichem Ausbleiben auf dem Schlau steht ... Scheiss first world problems

Der Sonnenaufgang liess bis 9.30 Uhr auf sich warten ... Daran werde ich mich jetzt wohl gewöhnen müssen. Meine Müdigkeit hatte ich mittlerweile ganz gut im Griff und ich überlegte, was ich an meinem ersten Tag so anstellen könnte. 
Viel wurde am Ende nicht, denn ich nutzte die Zeit bei einem Kaffee erst einmal, um Mails zu checken und ein paar Bewerbungen für Couchsurfing zu versenden. Zur Erklärung für Nichtinformierte: Bei Couchsurfing vermietet ein Gastgeber (oft waren diese selbst einmal Gast als Surfer) meist seine Couch, manchmal aber auch ein komplettes Bett mit einem Zimmer für eine oder mehrere Nächte für umsonst! Diese Art der Unterkunft ist extra für Reisende entwickelt worden und stellt meiner Meinung nach die beste Alternative zu kostenintensiven Unterkünften dar. Dabei geht es nicht nur um das blosse Schlafen bei einem fremden Gastgeber, sondern man sollte auch einige Zeit mit jenem verbringen und nicht nur 'Durchreisen'. Im meinem Fall bin ich ein Surfer, das Prinzip funktioniert aber auch andersherum, sodass ich mit einer eigenen Wohnung auch ganz einfach als Host für andere Reisende fungieren kann.
Die restliche Zeit, bis ich auf meine mögliche nächste Farm reise, werde ich hoffentlich bestmöglich mit Couchsurfing verbringen. Ganz einfach um Geld zu sparen und mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Wie sich am Ende aber herausstellte, liessen sich viele Gastgeber mit ihren Antworten Zeit oder hielten manchmal auch Termine nicht ein, sodass ich oft wieder im Hostel oder bei anderen Freunden unterkam. 

Der erste Tag im Hostel war dennoch fantastisch. Das Beez Kneez Bakpakers liegt in Downtown Whitehorse und man fühlt sich gleich willkommen. Es ist klein, aber fein und sehr gemütlich! Momentan sind wenige Leute unterwegs, sodass ich mit Klaus aus Brasilien und Mike aus BC tolle Gesellschaft hatte für die leider nur sehr kurze Zeit.
Einige tolle Gespräche hatte ich auch mit Nancy, der Inhaberin des Hostels. Sie besitzt einen Alaska Sled Dog, also einen echten Schlittenhund, der auch am Yukon Quest, einem Schlittenrennen quer durch den Yukon, teilnimmt. Die Hündin heisst Bertha, ist mittlerweile zehn Jahre alt und legte im vergangenen Jahr stolze 3000 Meilen als Schlittenhund zurück. Nancy meint, das man Bertha den grössten Gefallen tut, wenn man sie während einer Autofahrt auf abgelegenen Strassen einfach rauslässt, mit 30 Stundenkilometern weiterfährt und sie dann neben oder hinter dem Auto her rennen darf. Nach einigen Minuten springt Bertha dann wieder auf den Beifahrersitz, wackelt mit ihrem Schwanz und schaut Nancy mit einem Blick an, der zu sagen scheint: "That was fun!".

Durch jene Unterhaltungen erfuhr ich aber beispielsweise auch einiges über das Bildungssystem im Yukon - was auf gut deutsch gesagt total für'n Arsch ist. Am meisten schockiert mich, das Kinder heutzutage nicht mal mehr Schreiben mit einem Stift in der Hand lernen. Selbst das stupide Tippen am Computer wird nicht mehr gelernt. Nach einigen Jahren in der Schule sind die meisten gerade einmal fähig handschriftlich ihren Vornamen zu notieren. Sobald die Kinder meinen, sie hätten am Wochenende keine Zeit für ihre Hausaufgaben, so dürfen sie diese auf unbestimmte Zeit verschieben. Als Nancy noch zur Schule ging, war natürlich auch nicht alles rosig, aber Schreiben konnte sie wenigstens noch. Dafür wurde ihr damals verboten mit links zu schreiben, man zwang sie mit rechts zu schreiben, obwohl sie Linkshänderin war und ist. Derartige Methoden wurden mir von meinen Lehrern aus deren Schulzeit in der DDR schon berichtet. Das jene Pädagogik es auch bis in den fernen Norden Kanadas schaffte ... allerhand. 

An meinem ersten Tag in Whitehorse schneite es fast den gesamten Tag. Dennoch wagte ich mich nach draussen und spazierte den Yukon River entlang. Allerhand Geschichte, die einem da begegnet! Angefangen von der S.S. Klondike, einem der grössten Dampfschiffe, das während des Gold Rush Anfang des 20. Jahrhunderts im Norden Kanadas den Yukon auf und ab fuhr, begrüsste mich gleich zu Beginn.

S.S. Klondike

Die Klondike benötigte für die Fahrt flussabwärts nach Dawson City nur 6-7 Stunden. Zurück nach Whitehorse allerdings manchmal eine ganze Woche, was wohl ganz klar für die Energie des Yukon spricht. Ganz schön beeindruckend. Danach sieht man viele Tafeln mit Bildern aus der damaligen Zeit, als Dawson City im norden des Yukons noch die Hauptstadt war und Whitehorse allmählich heranwuchs. Einen imposanten Vergleich bekommt man, wenn man danach den Yukon entlang läuft und die alten Bilder mit dem heutigen Zustand vergleicht! Wahnsinn!  

Dass diese Stadt eine ganz eigene Mentalität versprüht, die mir sehr gefällt, merkt man an den vielen fremden Menschen, die einen ohne jeden Grund zulächeln, oder dass Autofahrer schon 200 Meter vor der Kreuzung einem signalisieren, dass man beruhigt loslaufen kann, oder auch Notizen wie diese:

Freundlichkeit pur!

Auch die späteren Tage in Whitehorse verbrachte ich damit, die Stadt ausgiebig zu erkunden. Das Wetter zeigte sich dabei nicht immer von seiner besten Seite ...

Yukon River

Schnell lernte ich hier Leute kennen. Darunter natürlich - warum auch nicht - Deutsche. Nancy und Elke waren gleich zu Beginn sehr freundlich und liessen mich bei ihnen via Couchsurfing unterkommen. Gleich am ersten Abend machten wir einen Ausflug in die Hot Springs, die nur einige Kilometer entfernt von Whitehorse liegen.

natürliche heisse Quellen

Und glaubt mir, es war so traumhaft, wie es das Bild schon vermittelt. Ein riesiges Becken, aus dessen Wänden sehr heisses Wasser direkt aus unterirdischen Quellen einströmt. Das alles mitten im Schnee. Ergo war es irre, eben mal das 40 Grad Celsius warme Wasser zu verlassen, sich eine Minute im Schnee zu wälzen und dann zurück ins Wasser zu springen. Wie tausend kleine Nadelstiche, aber sehr lustig und belebend 

Whitehorse selbst ist umgeben von vielen hohen Bergen und liegt selbst in einem Talabschnitt. Man muss nicht weit laufen, um sich auf Klippen zu befinden, von denen man einen super Ausblick über die Stadt hat. 

Whitehorse, Yukon

Wenn dann noch das Wetter mitspielt  ... Gleich ein paar Meter hinter diesen Felsen befindet sich der Flughafen von Whitehorse. Selbst dieser liegt in erlaufbarer Entfernung und ist wirklich recht niedlich und klein. Hauptsächlich werden Flughäfen wie Vancouver, Calgary oder Edmonton angesteuert. Jedoch fliegt von Mai bis September auch wöchentlich ein Flugzeug direkt nach Frankfurt und zurück. Also falls ihr mal das Yukon-Fieber verspürt, das ist eure Chance!

Der Whitehorse Airport wurde während und nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut, zusammen mit dem Alaska Highway und meist von amerikanischen Soldaten. Ziemlich unheimlich ist ein Krematorium, was heute noch in der Nähe des Flughafens steht und wo früher bei der (harten) Arbeit verstorbene Soldaten einfach verbrannt wurden.

Krematorium

Flughafen und Stadt hin oder her, man befindet sich im Yukon und demnach ist auch die Wildnis nicht weit. Im Sommer über werden auf eben diesen Klippen über der Stadt selbst Bären gesichtet. Zum Glück ist Winter! Das hält andere tierische Freunde aber dennoch nicht davon ab, der Stadt so nahe zu kommen ...

In Realität sahen diese Spuren wirklich riesig aus. Vielleicht war es ein verdammt grosser Hund, aber selbst Teko war damals in Lacombe nicht gerade klein und hat nie derartige Spuren hinterlassen. Wer weiss, wer weiss. Man dreht sich auf jeden Fall ein paar Mal mehr um und läuft auch etwas schneller, wenn man das bei Wandertouren im frischen Schnee entdeckt 

Nach einer Woche in Whitehorse traf ich dann Thomas, ebenfalls Deutscher. Er ist Flugbegleiter bei der Lufthansa und ein echt super Typ. Ich erfuhr eine Menge über seinen Beruf - der gar nicht mal so schlecht ist, wie er heutzutage von vielen betitelt wird. Er arbeitet beispielsweise von April bis September und zwar richtig hart und das weltweit. Dabei wechselt er meist alle 2-3 Tage das Team und trifft somit immer neue Leute in neuen Städten und Ländern. Bei Aufenthalten in diesen Ländern bekommt er dann Unterkünfte und die meisten Mahlzeiten auch gestellt und vom Jahreslohn wird ihm in dieser Zeit die Hälfte schon gezahlt. Ihr denkt, das wäre schon das Beste? Nun, in der Zeit von Oktober bis April bekommt er sozusagen "frei", das heisst, er bekommt die andere Lohnhälfte und hat dann Reisezeit. Als Angestellter der Lufthansa bekommt er dabei Vergünstigungen auf vieles, insbesondere Flugtickets. Vor langer Zeit hiess es mal, dass Betroffene in diesem Fall nur 10% vom eigentlichen Preis zahlen. Wie gesagt, lange her. Heute wahrscheinlich gar nicht mehr finanzierbar. Nichtsdestotrotz noch immer ein lohnendes Angebot und so reist er nun seit ein paar Wochen schon durch Kanada und ist jetzt für einige Tage in Whitehorse, um auch diese Yukon-Erfahrung zu machen. Dabei reist er mit einer preislich günstigen Art Flugticket, bei der er Abreisedatum nur grob festlegt und dann am Flughafen schaut, ob Platz im Flugzeug ist, um mitzufliegen. Falls ja, dann geht es ab zum nächsten Ziel, falls nein, so muss man warten bis etwas frei wird. Nach einiger Zeit in Kanada heisst sein nächstes Reiseziel Costa Rica. Von -30 Grad Celsius zu +30, dabei mal viel Spass 
Ich war in dieser Zeit sehr erstaunt von mir selbst, denn Thomas fragte nach den Must-sees in Whitehorse und ich konnte ihn tatsächlich zu den meines Erachtens besten Plätzen führen. 
So schauten wir uns nochmals Whitehorse von den Klippen aus an und harrten einige Zeit beim Flughafen aus, dabei sahen wir die unterschiedlichsten Flugzeugtypen starten und landen: Sportflugzeuge, kleine Passagierflugzeuge, grössere Maschinen, einige Frachtmaschinen und sogar ein Militärflugzeug. Nach einiger Zeit machten sich die -25 Grad Celsius inklusive Wind dann bemerkbar und unsere Körper dankten es uns, als wir wieder im Tal waren. 
Danach liefen wir entlang des Yukons, wobei uns gegen die Mittagszeit das Bild von dem höchsten Sonnenstand der momentanen Zeit gelang. Diese Aufnahme möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten ...

Whitehorse, Yukon,

Wenn man nun noch bedenkt, dass am 21. Dezember, also in guten drei Wochen erst, der kürzeste Tag des Jahres sein soll, dann ist dieses Bild von Ende November schon sehr beeindruckend, denn aus Deutschland kenne ich derartige Bilder nur von Sonnauf- und -untergängen. 

Gegen Abend zog sich der Himmel jedoch wieder zu und der Yukon atmete förmlich.

Wir machten uns dennoch auf zu einem 6 Kilometer langem Marsch am Fluss entlang, zur weltgrössten Fishladder ihrer Art ...

Fishladder und Kraftwerk

... die leider um diese Jahreszeit geschlossen ist. Deshalb entstand nur dieses Bild aus weiter Ferne. Die Fishladder, zu deutsch Fischtreppe, ermöglicht es den Wasserbewohnern unwegsame Stellen, wie Wasserfälle oder eben dieses Wasserkraftwerk unbeschadet zu passieren. Allerdings haben wir bei diesem Wetter bisher noch keinen einzigen Fisch gesehen ... selbst denen scheint es zu kalt zu sein ... nur diese (deutschen) Touries trauen sich wieder hinaus 

Auch der folgende Tag war grandios, als wir uns einfach mal in die Wildnis begaben und unser Ziel spontan suchten. So strandeten wir bald bei den sogenannten Hidden Lakes und glaubt mir, das war der wohl beste Tag im Yukon bisher!!! Seht selbst warum (anklicken zum vergrössern) ... 

Kurz vor dem Abgrund Schwatka Lake

Wie geht es nun bei mir weiter?

An Möglichkeiten fehlt es mir definitiv nicht. Ich würde wahnsinnig gern nach Dawson City, die frühere Hauptstadt des Yukons im Norden am anderen Ende des Yukon Rivers. Auch Geisterstädte wie Mayo und Keno wurden mir empfohlen. Hauptsächlich warte ich momentan aber auf ein Treffen mir Sue, der Besitzerin einer Farm bei Pelly Crossing, 200 Kilometer nördlich von Whitehorse, nahe Mayo. Wenn alles gut läuft, kann ich dort für einige Zeit mit unterkommen. 
Momentan hängt alles davon ab, wann ich mich mit ihr treffe und wann sie mich schlussendlich mit nach Pelly nimmt. Dies kann ganz spontan und schnell gehen, von daher hier schon einmal ein paar Vorbemerkungen:

  • Pelly liegt sehr weit nördlich und hat kaum Zivilisation im weiteren Umkreis.
  • Die Farm an sich liegt nochmals um die 30 Kilometer weit im Bush. 
  • Die einzige dortige Energiequelle lautet Solarenergie (Strom sparen!)
  • Demnach habe ich keine Ahnung Smartphonenutzung und Internetzugang betreffend. Da Sue mir aber immer nur schreibt, wenn sie die Woche über in Whitehorse ist, vermute ich, dass ich wohl keines zur Verfügung haben werde. 
  • Das heisst: womöglich hören wir, sollte es urplötzlich so weit sein, für etwas länger nichts von einander - insofern diese Erwartungen sich bewahrheiten. Man soll ja immer vom "Schlimmsten" ausgehen 
  • Smarthphone-freie-Zeit macht mir nichts aus, dies soll lediglich schon einmal als Vorwarnung dienen, falls einige mich dann versuchen zu erreichen und Philip not available ist. 
  • Ich gebe mir Mühe, sollte es soweit sein, noch einmal Bescheid zu geben, ganz einfach aus dem Grund, da ich ja schon mit vielen - aus der Heimat beispielsweise - hier noch regen Kontakt halte und dieser dann erst einmal ruhen würde. 

Bis es aber zu diesem Moment kommt, geniesse ich die Zeit in der Hauptstadt dieser leider noch für viele zu unbekannten Region.

+++ UPDATE +++

Am Montagmorgen erhielt ich die Mitteilung, dass Dale Bradley in Whitehorse ist. Spontan holte er mich ab und wir erledigten einige Auslieferungen von frisch geschlachteten Kühen, unter anderem zur "Off the Hook" Fleischerei, wo wir Fleischstücke mit Gewichten von bis zu 220 Pfund zu zweit abladen mussten - keine leichte Arbeit, aber interessant mal hinter die Kulissen schauen zu können. Zwischen Laderaum und Führerhaus waren die Felle von 16 Kühen und 5 Elchen gelagert, die Dale in letzter Zeit gejagt hat. Er musste letztens auch wieder einen Wolf erschiessen, da er der Farm auf Dauer zu nahe kam und man sie unbedingt fern halten muss und sie dürfen keineswegs die Chance erhalten, eine Kuh zu töten, denn sobald sie dies einmal erreichen, wissen sie, wie sie es erneut tun können und dann wäre es fürs erste vorbei mit der Rinderherde. Dale scheint wirklich ein super Kerl zu sein und ich genoss den gemeinsamen Montag. Mittwoch wird er mich mit zur Farm nehmen, was da so abgeht ist oben genannt. 
Nun geht es endlich voran und meine Pläne nehmen Form an. Ich hoffe nach wie vor, dass die Pelly River Ranch Internet zur Verfügung stellt. Andererseits hören wir sonst wohl erst wieder im kommenden Jahr von einander. 

Lasst es euch gut gehen und eine angenehme Weihnachtszeit! 

Panorama Yukon

Yukon ist wirklich anders, als die anderen Provinzen, die ich bisher erlebt habe. Defintiv eine Reise wert! 

Peace and out!