Aus dem Leben eines WWOOFers

Freitag, 24.10.2014

Woo-was? .... Ich habe es im letzten Eintrag schon einmal etwas erklärt, aber um offene Fragen entgültig aus dem Weg zu räumen - hier jetzt noch ein paar mehr Informationen!

WWOOF heisst übersetzt Willing Workers oder manchmal auch World Wide Opportunities on Organic Farms. Darunter versteht man also das freiwillige Arbeiten auf Farmen, die sich dem organischen Anbau von Lebensmitteln verpflichten und dieses Programm wird weltweit angeboten. 
In meinem Fall ist es WWOOFing in Kanada, das vor allem in Ontario und BC, aber auch vermehrt in Alberta und entlegenen Gebieten wie Yukon oder Nova Scotia angeboten wird. Je mehr Menschen vorzufinden sind, umso mehr Arbeit kann auch angeboten werden. 
Diese Art von Arbeit ist besonders für Backpacker ideal! Warum? Bei WWOOFing zahlt man nicht für seine Unterkunft und das ist eigentlich schon der Knackpunkt. Normalreisende zahlen (bei preiswertester Unterkunft) pro Nacht mindestens 25$, Frühstück ist dabei selten inbegriffen. Hochgerechnet spart man durch WWOOFing also schon mal gute 200$ pro Woche für Bett und Frühstück. Schon jetzt könnte man eigentlich aufhören, doch die - nicht nur finanziellen - Vorteile gehen weiter.
Man nimmt am täglichen Leben einer einheimischen Familie teil, wird also für einige Wochen das neue Familienmitglied und taucht dabei in ganz neue Bereiche ein, die man als Tourist niemals erreichen würde. Drei Mahlzeiten stehen in der Regel pro Tag auf dem Plan, die man auch wieder for free bekommt. Aber abgesehen vom familiären Umfeld, das man entdeckt, bekommt man auch neue Erfahrungen in Sachen Farmarbeit, die selbst Nicht-Interessierte zum Staunen bringen!
Die "Kehrseite" der Medaille? Man muss auch mit anpacken, was aber bei etwas Motivation und Lernbereitschaft kein Problem darstellt. Normalerweise sind es am Tag 6 Stunden Arbeit und das 6 Tage in der Woche. Der siebte Tag wird als day off bezeichnet und dient der Freizeitgestaltung. Mein Tag beginnt meist gegen 7 Uhr mit dem Aufstehen und Frühstück, gegen 8 Uhr geht es dann bis 12 an die Arbeit, meist auf dem Feld, in der Scheune oder selten auch im Haus, wenn das Wetter eher besch...eiden ist.  Um die Mittagszeit gibt eine Lunch-Pause und danach wird nochmals bis 15 Uhr durchgezogen. Und danach hat man auch schon Feierabend und kann tun und lassen, was man will. Klingt sehr entspannt? Ist normalerweise entspannt. Natürlich sind manche Tage mal länger, andere dagegen kürzer, je nachdem, wie viel Arbeit ansteht und was das Wetter zulässt. Ich hatte schon Tage, an denen es mal 10 Stunden waren, weil eben etwas fertig gemacht werden musste. Als Deutscher hat man da keinen Schmerz und macht das halt mal, im Gegenzug erhält man hier ja auch alles für lau. Die Franzosen beispielsweise sind da anders ... besagte Leute hier meckern da schon eher mal, wenn die Arbeitszeit bisschen zunimmt. Womöglich deshalb ist diese Farm auch meist von Deutschen WWOOFern belagert, da wissen sie halt, was sie an denen haben. Aber zurück zum Text: Ich hatte auch schon Tage erleben dürfen, an denen mal nur von 10 bis 13 Uhr gearbeitet wurde. Es gleicht sich also schon aus und man muss sich in diesem Fall nicht beschweren. Wenn dann die Gastgeber noch etwas hilfsbereit und nett sind, läuft das alles von selbst! 
Die Freizeit kann vielseitig gestaltet werden. Es hängt oft auch von dem ab, was die Farm und ihre Gastgeber anbieten, aber in meinem Fall ist bestens gesorgt für das Wohl der Arbeiter. Billard, Tischtennis, Fahrräder, ein alter Schulbus, Farmspaziergänge, Ausfahrten in Stadt und Land, Spieleabende, Internet, Hunde, Katzen, Kochen, Essen, Stories austauschen ... Langeweile Fehlanzeige! 
Letztens hat es uns wieder zum Fahrradfahren getrieben und wir sind 25 Kilometer bis zum Red Deer River und Blackfalds Lake gestrampelt. Die Location war es voll wert!

Red Deer River

Ein gewöhnlicher WWOOFing-Aufenthalt dauert ca. 4-6 Wochen. Je nachdem, wie es gefällt, können aber auch paar mehr oder weniger Wochen daraus werden. WWOOFing bedeutet auch Flexibilität! Es ist nicht so streng, wie bei einem Job mit Arbeitsvertrag. Man bekommt kein Geld für's Arbeiten, aber ich finde, dass gerade das diese Erfahrung so toll macht. Es ist eben ein Geben und Nehmen, ohne Verpflichtung, einfach nur auf persönliche Moral und Gewissen gestützt.
Wer immer den Plan hat, in einem anderen Land (oder selbst Deutschland) in diesem Bereich zu arbeiten oder das typische Leben einer Familie im Wunschland kennenzulernen ... meldet euch bei der offiziellen WWOOFing-Seite an, investiert diese gut angelegte Mitgliedsgebühr (2 Jahre gültig) und erlebt eine geniale Zeit! 

 Was genau habe ich schon erlebt in den Wochen bei
BillyCo Junction Gardens? 

Einen Link zur Website findet ihr hier. Die Farm liegt nahe der grösseren Stadt Red Deer zwischen Calgary und Edmonton, im zentralen Alberta. Genauer gesagt ist die nächstgrössere Stadtstruktur Lacombe (12.000 Seelen und 13 Kilometer entfernt). Also doch noch nicht ganz am Arsch der Welt, aber mal sehen, wohin mich spätere Reisen noch führen.

BillyCo Junction Gardens

In diesem netten Haus lebe ich mit allen anderen zusammen: 

Familienhaus

Die Farm spezialisiert sich vorallem auf Gemüse- und Obstanbau, den sie seit 7 Jahren intensiv betreibt. Dabei sind sie Teil von CSA. Das ist keine CrimeSeries auf RTL und keine neue Terrororganisation, sondern ein Verbund von Menschen, die auf organische Landwirtschaftsprodukte stehen. Bill und Edie ernten wöchentlich frische Produkte, verpacken sie in Tüten und liefern sie nach Calgary, Red Deer und Edmonton. Die Kunden sind verschiedenste Leute, von Privatkunden bis hin zu Firmen, die dann einmal in der Woche Lieferung erhalten und sich dann überraschen lassen vom Inhalt. Den Preis für dieses Programm habe ich noch nicht hinterfragt, werde ich bald aber mal noch machen. 

Früher hat sich Bill noch Schweine gehalten, das möchte er bald wieder aufnehmen. Diese fuhr er dann immer mit einem Schulbus nach Red Deer. 

Schweinetransporter

Heute steht dieses Teil auf der Farm und gammelt vor sich hin. Wenn das mit den Schweinen dann aber bald wieder los geht, wird der Bus hoffentlich wieder flott gemacht. 

Für die Gänse, die sie seit Frühling haben, durfte ich in den ersten Tagen einen Zaun bauen. 

Billys Gänse

Des Weiteren hat er einige leere Scheunen, die als Lagerräume genutzt werden. Er hat die Gänse nun im Freien, da er diese Scheunen und Plätze davor gereinigt haben möchte. Funktioniert! Die fressen wirklich alles sauber. Ein Problem hat er jedoch: Die Tiere sind seit Frühling sowas von schnell gewachsen und sind nun schlachtreif. Thanksgiving ist vorbei, aber Weihnachten kommt ja noch. Leider hat Bill keine Ahnung, wie er die Gänse schlachten soll, er muss also erst noch einen Schlachter finden. Edie schaut sich für's Kochen manchmal youtube-Videos als Anleitung an. Bill tat dies letztens auch für's Gansschlachten. Seit dem warte ich jetzt auf den Tag, wenn er mal vor seinem Laptop sitzt und einer Gans mittels youtube-Hilfe den Hals umdreht 

Wenn es mal zu kalt draussen ist, sammeln wir meist etwas vom Feld und bearbeiten das dann in der warmen Halle. So sammelten wir beispielsweise Koriander, Petersilie, Rukola, Salat und Dill, durften das dann feinsäuberlich sortieren, waschen, bündeln und zum Trocknen aufhängen. 

 Petersilie, Dill, Koriander

Wie im vorherigen Blogeintrag zu sehen, besitzen die Biels riesige Farmflächen, wo sie allerlei verschiedenes Obst und Gemüse anbauen. Meist findet man dabei 50 Meter lange Salat Reihen oder 100 Meter Beerenbusch an Beerenbusch.

Eisbergsalat Feldsalat

Rukola  

Die Berrys blühen nun leider nicht, aber sind dennoch schön anzuschauen. Ob Saskatoons, Honeyberries, Himbeeren, Erdbeeren oder Hagebutten ... alles hier zu finden. Besonders angetan hat es mir die hausgemachte Marmelade, genannt Jelly oder Jam. Jelly ist mehr Gelee, während Jam (mein Favorit) mehr Marmelade mit Fruchtstückchen ist. Aus den Hagebutten, genannt Rose Hips, machen sie ausgezeichneten Sirup. 
Einen neuen leckeren Liebling habe ich auch gefunden:

Na, wer kennt's? 

Die erste Beere mag man gern wieder ausspucken, aber ab der zehnten schmeckt es richtig gut und es ist darüberhinaus sehr gesund und wohlbekommend. Im Englischen nennt man es Sea Buckthorns, im Deutschen Sanddorn. Es gab mal eine Zeit, da habe ich dieses Zeug in verschiedensten Varianten in Deutschen Läden gesehen. Der Trend scheint vorbei, hier ist er Alltag. 

Was gibt es sonst noch so zu tun bei Bill und Edie?

Meine Highlights waren arbeitstechnisch zum einen das Knoblauchpflanzen

Garlic Planting

Sieht einfach aus? Na ja, ihr seht auf dem Bild zwei breite schwarze Reihen mit jeweils drei Lochreihen. Pro schwarzer Reihe sind es 1700 Löcher. "Na da habt ihr doch sicherlich eine Maschine, die den seed in jedes Loch steckt!" ... NEIN, haben wir nicht . Gepfanzt wird mit alten Knoblauchknollen, die aufgebrochen werden und die einzelnen noch verwendbaren Knoblauchzehen werden in der richtigen Position an der Oberfläche am Loch platziert und dann mit einem Finger so tief wie möglich ins Erdreich gedrückt. Nach 1000 Zehen kann man Daumen, Zeige- und Mittelfinger so oft wechseln wie man möchte, der Schmerz wird nicht besser. Der Knoblauchgestank auch nicht. Nach 4 Stunden wurde es bei Loch 2134 allmählich besser, vielleicht war man dann auch einfach nur resistent gegen Schmerz oder es war einem schlicht egal. Nach mehr als einem halben Arbeitstag hat man es dann geschafft und möchte Knoblauch so schnell nicht mehr sehen. Nichtsdestotrotz, ein Highlight in den ersten Wochen!

Das weitere Highlight war und ist für mich noch immer die Kartoffelernte.
Wie viele Kartoffelsorten kennt ihr? Mittlerweile kenne ich 24, alle davon mit Namen, da ich sie schon einsammeln, sortieren und verpacken durfte. 

24 Sorten

Für einige Interessenten, hier die (kanadischen) Bezeichnungen für besagte 24 Sorten:

Carlton Pontiac Red Banana Fingerling All Red
Alta Blush Russian Blue Russet Red Star
Purple Viking Caribe Purple Skin Pake Yellow Irena
Chieftain Red Ptarmigan White Skin Kennebec Eramosa
Warba Accord Yukon Gold Norland
Sangre Dakota Pearl French Fingerling Bintje

Unterscheiden tun sie sich meist in Farbe und Form, manchmal in Konsistenz und selten im Geschmack. Besonders auffällig ist das Blau bei Russian Blue und die Bananenform bei Banana Fingerling.

Russian Blue

Mein Favorit ist aber Russet, ganz einfach, weil man sie am besten auflesen kann, wenig Ausschuss hat und man leicht unterscheiden kann zwischen guter und schlechter Kartoffel. 

Bill fährt mit seinem Traktor meist einige Bahnen und holt die Kartoffeln an die Erdoberfläche, wo wir sie dann aufsammeln dürfen. 

All Red

 

Dabei kommen manchmal die eigenartigsten Formen zum Vorschein  ... 

Kein Kommentar

So viel dazu  ... Besonders cool ist es aber auch noch, die Teile dann auf den Truck zu laden und zur Scheune zu kutschieren. Bill gab mir das Privileg, den alten Chevrolet Cheyenne zu fahren. 

Geiles Teil , mit einigen Tücken, die man aber nach paar Mal Fahren kennt. Für seine einigen Jahre zieht er noch ganz schön gut und ist sehr bequem. 
Tiko wird meist auf dem Beifahrersitz mitgenommen, weil er bei fahrenden Autos ausserhalb nur Blödsinn anstellt und der Chevi ihm letztens schon mal den Fuss geplättet hat (ohne Folgeschäden). Das macht die Sache aber nicht einfacher, wenn der sabbernde Hund vor Freude das Auto unterhält und einem sehr nahe rückt, sodass man nicht mal mehr schalten kann. Ein Video davon findet ihr exklusiv auf Facebook. 

Und nun? Nun werden die Tage kürzer und vor allem kälter ... so sieht es am Morgen auf dem Feld bei der Arbeit auch mal dementsprechend aus: 

freezing cold

An diesem Morgen waren es knackige -6 Grad Celsius, Radieschen, Karotten und Rote Beete musstnen dennoch aus der Erde raus... und jeder von uns muss sich den Begebenheiten anpassen ...

Molly

Doch auch das ist machbar. Einmal auf dem Feld ist man nie allein und nichts bleibt unkontrolliert, dank ...

Tiko

Mit diesem "Ich beobachte dich und deine Handgriffe ganz genau"-Blick beglückt er uns den ganzen Tag, sodass uns die Konzentration förmlich ins Gesicht geschrieben steht. 

... wie ihr seht ... auch mit neuem Haarschnitt, auf Wunsch vieler Leute  - mich inbegriffen.

Das war so das wichtigste von BillyCo Junction Gardens und meinem Beitrag zum Alltagsgeschehen ...

Zum Schluss möchte ich euch noch zeigen, wie ich am liebsten die Abende hier nach dem Essen verbringe  ...

Sonnenuntergang auf Farm

Mit so einem Sonnenuntergang am hauseigenen Teich klingt jeder Abend entspannt aus und man geht zufrieden ins Bett. Vom Nachthimmel kann man kein gutes Foto schiessen, dieses Phänomen fängt man nur mit den eigenen Augen voll und ganz ein. 
Ich kann euch aber verraten, dass die Nacht, die diesem Sonnenuntergang folgte, sternenklar und angenehm warm war. Man hatte perfekten Blick auf den Himmel über Alberta, selbst entfernte Städte wie Lacombe oder Red Deer haben nicht allzu sehr gestört mit ihrem Licht. 
Ich freue mich aber, bald in entlegenere Gebiete zu entfliehen und dort dann tiefschwarze Nacht zu haben ... hoffentlich - nein, mit Sicherheit auch mit aurora borealis, also den Nordlichtern über mir, die man von Red Deer aus leider nur entfernt und schwach sieht, aber immerhin. 

Wohin es mich nach BillyCo Junction verschlagen wird ... bleibt vorerst wieder geheim, aber es könnte sehr überraschend sein  Bin selbst noch ganz gespannt, seid ihr es also auch. 
Aber wie schon gesagt ... ich könnte hier gern noch einige Zeit verbringen!