Back in the City

Dienstag, 28.04.2015

Hier ein kleiner Flashback und aktuelle Ereignisse ...

Nachdem ich im September 2014 in Ontario ankam, begab ich mich erst einmal ausgiebig auf Reisen durch die größten Städte im östlichen Teil Nordamerikas. Ab Oktober folgte dann meine erste WWOOF-Erfahrung, wer zu diesem Begriff nochmals Erläuterung benötigt, findet hier den passenden Link. Drei weitere Farmen, Ranchen oder farmähnliche Aufenthalte folgten dieser ersten Station in Alberta noch. So erlebte ich einen kanadischen Winter im Yukon, hatte erste Frühlingsgefühle auf Haida Gwaii und zuletzt eine tolle Zeit im Chilcotin in British Columbia. Im Anschluss sollte eigentlich noch eine weitere Farm im Okanagan Valley im südlichen Teil dieser Provinz folgen, ich war auch nur eine Woche entfernt von diesem Erlebnis, bis ich zum ersten Mal seit Beginn meiner Reise einen Plan krass änderte.

Als "Plan" kann man das eigentlich kaum bezeichnen, da ich diese in der Regel sehr lobenswerte deutsche Eigenschaft, für jede Sache einen ausgetüftelten Plan zu haben, schon nach einiger Zeit in Kanada abgelegt hatte. Und sich in Spontanität zu üben ist auch wirklich nicht übel, macht sogar des Öfteren Spaß Und dem Kanadier - und vor allem Kanadierinnen - gefällt ein etwas entspannterer und spontaner Alltag ebenfalls. So entscheide ich auch immer recht spontan, wohin es als nächstes gehen soll, meist einige Wochen im Voraus, damit dann doch ein paar Rahmenbedingungen geschaffen werden können.
So geschehen auch mit der Farm im Okanagan. Ich wusste schon, als ich Kim und Chuck verließ, dass es nur noch eine weitere neue Farm geben wird. Nicht, weil es mir nicht mehr gefällt, doch fünf Farmen sind meiner Ansicht nach genug und ich habe wirklich eine Menge gelernt und viele interessante Personen getroffen. Ich lasse mir nun lieber all das Erlebte nochmals durch den Kopf gehen und sehe einige neu gewonnene Bekanntschaften vielleicht erneut. Des Weiteren stehen für den Sommer für mich sehr große Abenteuer bevor. Dazu später mehr

Lange Rede, kurzer Sinn - um auf den Punkt zu kommen ... Zur fünften Farm kam es dann nicht mehr, ich änderte den Plan und sagte den Gastgebern (leider) eine Woche vorher ab ... Nicht die feine Art und es hat mich selbst auch etwas gestört, denn die Leute planen ja auch und haben mit Sicherheit einigen anderen für mich abgesagt. So ist nun aber mal das Leben als Backpacker und ich war sehr froh, dass die Leute der Double M Ranch im Okanagan das nachvollziehen konnte. Ich hoffe, dass Ersatz gefunden werden konnte und alles läuft, wie geplant.

Was beeinflusste aber diese Entscheidung? Besser gesagt, wer ...
Als ich zusammen mit Chuck im Wald Bäume fällen war, war auch sein Chef Martin anwesend. Ein krasser Akzent in seinem Englisch ließ erraten, dass auch er nicht gebürtig aus Kanada kommt. Wir arbeiteten einige Male zusammen und wir kamen gleich super miteinander klar. Er kam vor etwas mehr als 30 Jahren nach Kanada, wuchs aber in Brixen auf. Nach einigen Tagen fragte er mich nach meinen Reiseplänen und ob ich Zeit und Lust hätte für ihn zu arbeiten. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon mit Gedanken halb im Okanagan. Er wohnt mit seiner Frau und beiden Kindern in Williams Lake und brauch einige Hilfe mit der Arbeit am Haus und seinen Maschinen, meinte er. Nun ja, das tun viele. Ich könnte in einem Zimmer mit eigenem Badezimmer im Haus wohnen und bekomme drei Mahlzeiten am Tag. Joa, nicht schlecht. Er würde mich auch bezahlen und ich bekäme ein Auto für die vorerst geplanten zehn Tage Aufenthalt ... Wo unterschreib ich?

So hieß es dann bald Abschied nehmen von Kim und Chuck und ich kam zurück nach Williams Lake und bezog mein eigenes Zimmer in einem echt schicken Haus. Spätestens da war mir klar, dass man mit Holz anscheinend viel Geld verdienen kann

Warum sagte ich nun aber der Farm im Okanagan ab?

Nach einigen Tagen war mir klar, dass ich sehr gerne noch etwas länger an diesem Ort bleiben möchte. Es stimmte einfach alles. Die Arbeit machte mit dem lustigen Mann aus Südtirol  wahnsinnig Spaß, das Geld kann ich gut gebrauchen und die Rahmenbedingungen waren im Grunde nicht zu überbieten.

So wurden aus eigentlich angedachten zwei Wochen vier. Und die Arbeit war täglich verschieden und herausfordernd auf's Neue. Am Abend konnte ich dann mit dem Auto ausgiebig die Gegend erkunden. Und Sonntag war dann auch noch Zahltag.

Durch Martin bekam ich des Weiteren die Chance, mit ein paar ziemlich großen Maschinen zu arbeiten, sei es Fahren oder Reparieren. Und wow, die Teile sind verdammt riesig und teuer. Einige Schraubenschlüssel sind so groß wie mein Bein und fühlen sich annähernd so schwer an. Demnach war auch das tägliche Work-Out gesichert, wenn man mal eine Schraube wechseln musste Alles ist eben ein bisschen größer in Kanada.


Martin erzählte mir auch allerhand Stories über das Logging im kanadischen Busch, also das Leben als Holzfäller. Es ist hart, zahlt sich aber aus. Ob man nun 12 Stunden Holz zurechtschneidet und das bei teilweise unmenschlichen Temperaturen, im Sommer vor Hitze langsam aber sicher im Führerhaus gegart wird oder bei jeglichen Reparaturen der Arbeitsmaschinen am verzweifeln ist ... Der Scheck am Ende des Monats sollte diese Dinge nebensächlich erscheinen lassen - tat er bei mir zumindest.
Am meisten fasziniert hat mich bei der Arbeit mit Martin aber der Hang zum Improvisieren, sobald notwendig.

Um diesen Ring von einem Zylinder zu schrauben, ist eigentlich nur ein recht großer Schlüssel notwendig. Einen, den wir leider nicht zur Verfügung hatten. Selbst wenn, das Teil war sowas von fest verkeilt, da ging mit einem normalen Werkzeug gar nichts. Also bauten wir uns selbst eins ... schweißten es mindestens 10 Mal wieder an das Metall und bewegten uns Zentimeter um Zentimeter voran. Nur zur Vedeutlichung: der selbstgebaute Schlüssel hatte ein langes Rohr, auf dem Martin und ich zusammen standen und auf und nieder sprangen. Dennoch bewegte sich das Drecksteil kaum. Get big, or get lost.

Apropos Größe ... Beim Baumfällen kommst du mit keiner Kettensäge recht weit und schnell voran.

Dieses Baby ist da relativ kompromisslos und schneidet alles, was in den Weg kommt. Bäume fallen, wie Streichhölzer! Das Blatt dreht sich dabei so schnell und kräftig, dass man es gar nicht hört. sobald der Baum getroffen und zersägt wird. Da möchte ich nicht reinfassen ...

Hab ich dann aber Allerdings nur, um die Proportionen zu zeigen.
Die Arbeit war aber wie gesagt sehr vielfältig. Als ich ankam, fuhr Martin gerade in einem großen Radlader vor. Dieses Teil soll verkauft werden, vorher durfte ich ihm allerdings noch einen neuen Anstrich verpassen. Hier das Ergebnis:

Also ich bin ziemlich zufrieden. Kaum zu glauben, dass diese Maschine 44 (!) Jahre alt ist. Sie fährt noch immer wie in ihren ersten Jahren und bekam noch neue Reifen, Bremsen und Hydraulik eingebaut. Falls jemand Interesse hat, die Caterpillar 950 steht noch zum Verkauf, 18.500$, Abholung vor Ort versteht sich

Wie schon gesagt, ich versprach Martin zu Beginn, dass ich wahrscheinlich 10 Tage, maximal aber zwei Wochen für ihn arbeiten könnte. Die Entscheidung länger zu bleiben fiel dann recht schnell und eindeutig. Ich genoss diesen Luxus einfach, der mir geboten wurde und mir ist des Weiteren bewusst geworden, wie alltäglich einem manche Dinge wie freies Internet, ein voller Kühlschrank oder unbegrenzt warmes Wasser und Strom vorkommen mögen, wenn man die andere Seite nie erlebt hat. Ich habe sie die letzten Monate jedoch vollends durchleben dürfen und dementsprechend befremdlich kam mir der ein oder andere Luxus jetzt auch vor, als ich ihn wieder vollends auskosten durfte ... Und ehrlich gesagt fehlte mir von Zeit zu Zeit auch dieses isolierte Leben in abgelegeneren Gebieten. Ich lernte da, Dinge wie Wasser aus der Leitung, Strom aus der Steckdose, einen Fernseher oder Supermärkte ein paar Straßen weiter viel mehr zu schätzen. Jetzt, zurück in der Stadt, sehe und beobachte ich Leute mit ganz anderen Augen, erlebe allerhand Verschwendung von Zeit und Ressourcen und spüre, welche sinnlosen Dinge manche Mitmenschen als "ernsthafte Probleme" beschreiben. In diesen Momenten würde ich diese Leute gern auch mal in den Busch schicken, damit sie lernen können, wenn ein Problem wirklich ein ernstzunehmendes Problem darstellt.

Also wie gesagt, dieses Erlebte jetzt in der Stadt hat mir sicher gezeigt, dass ich mein Leben in Zukunft nicht inmitten einer Großstadt führen möchte. Ich würde schlichtweg verrückt werden.

Die Freizeit gestaltete sich aufgrund der beiden jüngeren Kinder auch ganz angenehm. Oft ging es Radfahren entlang des Fraser River oder einfach nur Entspannen mit Freunden bei einem Feuer, Bier und Hotdogs ...

Am besten war jedoch das Fourwheeling, also Quad fahren in den Wäldern von und um Williams Lake.

Diese starken Mobile kommen jede noch so steile Steigung hoch und ich würde es definitv als das Highlight bezeichnen, das es bei Martin gab.

Ich bin des Weiteren wirklich erstaunt, was wir gemeinsam in vier Wochen fertig gebracht haben. Viel Zeit ging wie gesagt für das Reparieren und Warten von den Maschinen drauf. Allerdings konnten wir so viele Sachen um und am Haus vervollständingen.

Zum Beispiel Zaun bauen ...

... wobei wir nicht typisch deutsch gleich lange Holzlatten annagelten, sondern einfach wahllos Bretter jeglicher Länge, die danach mit der Kettensäge auf gleiche Größe abgesägt wurden. 
Dafür musste ich vorher aber noch das nötige Bauholz von Kim und Chuck holen.
Wie immer bei Martin hätten mir dazu zwei Trucks zur Auswahl gestanden. Und für eine derartige Ladung hätte ich gern dieses Baby genommen ...

Ford F350

Dass Ford gute Autos baut, ist bekannt. Doch dieses Schmuckstück ist einfach klasse ... war jedoch an diesem Tag zur Reparatur und deshalb musste ich die kleinere Version nehmen, die mit dem circa eine Tonne schweren Anhänger und der Ladung von etwas mehr als einer Tonne etwas überfordert war

Ich war auch froh, dass die Cops mich nicht angehalten haben, denn diese Aktion war schon etwas zu hart für den kleinen Pick-Up ... die Berge hoch ging es gerade so, auch wenn die Automatikschaltung kräftig hoch und runter geschalten hat vor Belastung. Den Berg runter war es dann schon etwas heikler und schon bald roch man die Bremsen, die Last drückte einen die 10% starken Gefälle hinunter und ich war froh, als ich die 400 Kilometer hinter mir hatte und unbeschadet bei Martin vorfahren konnte. Der Truck war es sicherlich auch.

Auch am Haus selbst hat sich in diesem Monat allerhand getan. Es gab neue Fensterrahmen, eine Steinverkleidung am Haus ...

Fenster und Steinmauer

... eine Betonmauer um den Eingangsbereich, die innen noch bepflanzt wird und eine Betonfläche als Veranda. Wo andere Menschen Fliessen legen, haben wir Beton gegossen, eben gemacht und Formen hineingeschnitten, danach noch etwas Lack drauf und das hält nun für immer. Kreativität, die mir sicherlich im Gedächtnis bleiben wird!

Auch das Dach erneuterten wir noch, wobei die Höhe weniger ein Problem für mich darstellte. Jedoch baute Martin sein Dach damals etwas steiler, als alle anderen. Dementsprechend unangenehm war es auch, darauf zu laufen, oder besser gesagt daran zu hängen und das neue Zeug anzubringen, in der einen Hand dabei die Dachschindeln, in der anderen die Nagelpistole. Lediglich ein Holzbrett unter mir gab mir Halt ... aber wir haben's überlebt

Auch tierisch ging es wieder zu. Martin selbst hatte keine Hunde mehr, der Nachbar aber. Und was für welche ... Einer kam fast täglich einmal vorbei und schaute, was wir machen.

Darüberhinaus sah man immer mal wieder ein paar Rehe oder Hirsche, wie sie die Zederbäume direkt vor dem Haus abkauten. Trotz Stadt befand man sich dennoch recht weit in der Wildnis. Und ein paar Begegnungen mit den wilden Tieren oder Nachbar's Hunden gestaltete den Arbeitsalltag recht angenehm.

Insgesamt muss ich Martin wirklich für diese lange Zeit danken, die er mich bei sich aufgenommen hat, wo ich Teil der Familie wurde und meiner Meinung nach einfach alles passte. Ich lernte wieder einmal eine ganze Menge, täglich auf's Neue und habe Einblicke in Sachen erhalten, die mir vorher noch etwas unbekannt waren oder wo ich gern noch mehr darüber erfahren wollte. Auch wenn es manchmal ein waschechter Drecksjob war ...

Das passierte, als ich die Maschinen von allem möglichen Dreck und Öl befreien durfte, weil sie bald wieder in den Bush fahren für den Sommer. Da hier im Cariboo und Chilcotin die Sommer sehr heiß und trocken sind, sind Waldbrände keine Seltenheit. Aber auch Maschinen, die sowieso schon heiß laufen in der Hitze, fangen dann leicht Feuer, insbesondere der Dreck auf ihnen. Von daher kann man diesen Job nicht nur als nebensächliches Reinigen von Arbeitsgeräten verstehen, sondern als sinnvolle Maßnahme, um Martin's Maschinen am Laufen zu halten. Auch wenn man danach selbst drei Mal duschen muss

Nun geht es also für mich wieder weiter und ich bin schon sehr gespannt auf Vancouver. Jetzt im Frühling sollte es wirklich sehr schön sein und ich freue mich schon auf ein paar bekannte Gesichter!

Ich bin des Weiteren sehr interessiert, wie es mir in der Stadt gefallen wird und wie lange ich das Großstadtleben aushalten werde

Blick von meinem Zimmer in Williams Lake

 Momentan weiß ich schon, wie es nach Vancouver weiter geht.
Viel sag ich dazu noch nicht, aber es kommt etwas Großes auf uns zu