Flussgeschichten

Dienstag, 24.03.2015

Und wieder einmal sind einige Wochen ins Land gegangen und ich habe wieder vieles zu erzählen. Doch zuvor ist mir bei einem Blick auf den Kalender aufgefallen, dass ich mittlerweile über 200 Tage unterwegs bin, also länger als ein halbes Jahr! Ihr seid überrascht, dass es schon so lange sein soll? Mir kommt es auch unglaublich vor ... Halbzeit also.

Zwischenfazit?

Die Zeit vergeht so unfassbar schnell, doch rückblickend bin ich wirklich erfreut und auch irgendwie stolz auf das, was ich bisher erleben durfte. Man spürt persönliche Entwicklung jeden Tag auf`s Neue, sei es mit der Sprache, praktischen Fähigkeiten oder einfach mit der gesamten Erfahrung an sich. Reisen kann in der Tat die beste Ausbildung sein, die man bekommen kann. Ich geniesse noch immer jeden Moment und freue mich auf die noch bevorstehenden Monate!

Daumen hoch!

Des Weiteren bin ich selbst beeindruckt, wenn ich einen Blick auf die Landkarte werfe und mir anschaue, wie meine Reiseroute bisher verlief (ein Bild mit kompletter eingezeichneter Route folgt am Ende des Trips). Nachdem ich vor etwas mehr als sechs Monaten also den grossen Teich überquerte, verschlug es mich von Toronto aus bis in die Neuenglandstaaten der USA und von dort durch elf Bundesstaaten der Vereinigten Staaten von Amerika entlang der Atlantikküste. Von New York City aus ging es dann nach Calgary in der kanadischen Provinz Alberta, in welcher ich mich zwei Monate aufhielt und mich durch Edmonton, Jasper und Lacombe schlug. Danach folgte eine lange Reise in den hohen Norden, durch Whitehorse bis auf die Pelly River Ranch im Yukon, wo ich den Winter, Weihnachten und Neujahr verbrachte. Vom tiefen Schnee ging es dann wieder Richtung Süden auf eine Insel zwischen Alaska und dem nördlichen British Columbia. Nach diesem Abenteuer ging es zurück auf das Festland und weiter gen Süden, wo mittlerweile die Jahreszeit Frühling in vollem Gange ist. Alles in allem legte ich somit zu Lande, zu Wasser und in der Luft bisher mehr als 20.000 Kilometer zurück! Viele sollen noch folgen 

Den Monat März ...

... verbrachte ich (wieder einmal) weit entfernt von jeglicher Zivilisation in der wunderschönen Cariboo-Chilcotin Region in BC. Die Fähre von Haida Gwaii fuhr planmässig und der Bus brachte mich von Prince Rupert zurück nach Prince George, die Hauptstadt von Northern BC. Die Busfahrt bis hier hin war wettertechnisch perfekt.

Smithers, BC

Nach einem kleinen Aufenthalt dort ging es den Highway 97 entlang nach Süden bis in die Stadt Williams Lake, wo ich 2 Uhr morgens ankam. Nicht die beste Zeit für meine Gastfamilie, um mich aufzusammeln. Doch da merkte ich schon, welches Glück ich wieder hatte mit den Leuten, denn sie buchten mich in ein nettes Hotel, von welchem aus ich einen grandiosen Blick über Williams Lake hatte. Am Morgen wurde ich dann abgeholt und kurz durch Williams Lake kutschiert. EIne typische Logging-City, also Holzfäller und Baumstämme überall!

Ja, das ganze braune Gewimmel im Hintergrund sind riesige Häufen von Baumstämmen. Da kann man nur mit offenem Mund vorbeifahren ...

Anschliessend fuhren wir circa zwei Stunden entlang Highway 20 und bogen zwischen Alexis Creek und Redstone auf eine unbefestigte Strasse ab und ein paar Minuten später waren wir auf der Farm, die nun für die kommenden Wochen mein Zuhause sein sollte. Meine Gastgeber hiessen Kim und Chuck.

Beide sind leider nicht mehr die Jüngsten und freuen sich demnach über etwas Gesellschaft und Hilfe bei den täglichen Aufgaben. Chuck war, ist und wird wohl immer hart arbeiten, 60 hin oder her. Die vergangenen Monate verbrachte er im Wald als Logger, also Bäume fällen und verladen. Und das fuer sein Alter, Respekt. Neben seiner technischen Fachkenntnis vermisse ich aber am meisten seinen typisch kanadischen Humor, den man 24/7 zu spüren bekommt! Kim hat britische Wurzeln, demnach auch den Akzent, welcher mich sehr an Bill erinnerte und mir sehr viel Freude bereitete Sie lässt einen keinen Handgriff im Haushalt rühren - was nicht böse gemeint ist und darüberhinaus von mir auch mal sehr genossen wurde Im Gegenzug verhungert man in diesem Haus aber sicherlich nicht und ich würde Kim als die gute Fee dieser Farm bezeichnen.

Auch mein kleines Häuschen war wieder perfekt!

Direkt am Chilcotin River befindet sich die Farm und auch meine kleine Cabin. Als ich ankam, war der Fluss noch grösstenteils gefroren und Schnee lag überall. Als ich nach einigen Wochen ging, war der Fluss nahezu komplett offen und kein Schnee mehr zu sehen. Es gab nichts angenehmeres und entspannenderes, als jeden Abend ins Bett zu gehen, nebenbei im Kamin ein Feuer prasseln zu haben und durch's leicht geöffnete Fenster den Fluss rauschen zu hören, jeden Tag etwas lauter. Allerdings hatte ich einiges zutun mit Mäusen, alles in allem habe ich in den paar Wochen über ein Dutzend Mäuse gefangen. ich war jeden Morgen etwas stolz, als ich wieder eine gefangen hatte mit einer selbstgebauten Falle Ach ja, ab und zu schauten auch die anderen Nachbarn mal vorbei ...

Moose

Obwohl ich sie schon vorher in Kanadas Wildnis bestaunen durfte, versetzte es mir einen kleinen Schreck, als ich am ersten Tag einmal um die Farm herum lief und dabei im Unterholz neben mir etwas aufschrecken hörte - etwas verdammt grosses! Wahrscheinlich waren beide Seiten in diesem Moment etwas unvorbereitet und erschrocken. Auf diesem Weg lernten wir uns kennen und von da an schauten sie eigentlich täglich direkt bei meinem Haus vorbei, wie ich in den folgenden Tagen anhand der Spuren im Schnee feststellen konnte.

Moose tracks

Leider war in den richtigen Momenten nie die Kamera griffbereit oder einer von uns war zu langsam und der andere zu schnell, sodass gute Bilder, etwa ein Elch-Selfie, fehlen. Aber manchmal muss man nur einen Elch am Morgen vor dem Fenster vorbeilaufen sehen, damit einem klar wird, wie klein man doch eigentlich auf dieser Welt ist ... und das man einem solchen Riesen lieber nicht für ein womöglich letztes Foto hinterher rennt.

Aber neben Elchen war auch der Rest der Umgebung von Wildlife geprägt und neben Rehen, Hirschen und Flussottern konnte man eine grosse Anzahl an Vögeln beobachten, in jeglicher Form, Farbe und Grösse. Die Farm an sich konzentriert sich auf Schafe, die es jeden Tag zu versorgen gilt.

Dieses etwas zu weisse Schaf in der unteren rechten Bildecke ist Taylor, der Hund, der für die Schafe in der Regel verantwortlich ist.

Taylor

Wieder einmal ist es Instinkt und etwas Training, welches diesen Hund überaus nützlich machen, da es in der Umgebung genügend Fressfeinde gibt, beispielsweise Pumas, Kojoten, Wölfe und Bären. Ich durfte während meiner Zeit feststellen, dass Taylor neben diesen Fähigkeiten zum Beschützen der Schafe auch überaus faul sein kann ... Sobald man sie am Bauch kratzt, vergisst sie alles um sich herum, vor allem die Schafe, und konzentriert sich nur auf ihre Massage . Hoffentlich finden die anderen Tiere diesen Trick nicht heraus. Normalerweise ist Taylor aber immer zur Stelle, sobald sich in der Umgebung etwas tut und vertreibt die Fressfeinde auch recht schnell. Die Farmer können sich glücklich schätzen, solche Helfer wie Hunde zu haben.

An meinem ersten Tag wurde es gleich richtig interessant. Ende April bringen die Schafe Lämmer zur Welt, in den Monaten davor müssen einige Vorbereitung getroffen werden. Zum einen musste ich den Schafen jeden Morgen einen Eimer voll Getreide mit einem speziellen Pulver zum Knochenaufbau der Neugeborenen geben - was sich bei 16 Schafen, die alle scharf auf diesen speziellen Eimer sind, alles andere als einfach gestaltet hat ... das sagte mir aber naürlich vor meiner ersten Eimer-Tour niemand  Nachdem die fluffigen Biester mich also am zweiten Tag fast umgerannt haben, musste ich sie in den Folgetagen immer schnell genug aussperren und über den Zaun springen, um mit etwas Ungestörtheit den Eimer in die Futterrinne zu schütten. Des Weiteren standen an diesem Tag auch Impfungen an, die der neue Gast natürlich verabreichen durfte. Dazu musste ich die Schafe alle in die Scheune drängen und dann eins nach dem anderen auswählen - dabei nicht den Überblick verlieren - und jedem eine Spritze in den Hintern jagen. Nebenbei bekamen sie noch einen Schluck reinen Knoblauchsaft, der gegen jegliche Parasiten hilft. Nur war es wieder eine kleine Herausforderung, diese Flasche mit angenehm riechendem Knoblauchsaft einem Schaf in den Mund zu drücken. Dementsprechend stank ich auch nach der Aktion. Da haben die Schafe wohl etwas zu Lachen gehabt.

An einem Tag wurde es richtig interessant, als Schafscherer Dave zu Besuch kam und die 16 Schafe (Art Hampshire-Dorper) ihre Wolle weg bekamen. Nun war ich an der Reihe mit Lachen

Er schafft ein Schaf in weniger als drei Minuten, dabei sieht es mehr aus, als wenn er eine Frucht schält, so schnell geht das. Es war eine ganze Menge Spass, ihm dabei zuzuschauen und vor allem ein auf dem Hintern sitzendes Schaf zu sehen, welches es allem Anschein nach mehr als geniesst Die nackten Schafe waren im Nachhinein recht dürr, -15 Grad Celsius machen ihnen aber dennoch nichts aus.

Neben Schafen betreiben Kim und Chuck auch eine eigene Sawmill, also eine grosse Säge zum Zersägen von Baumstämmen, um im Nachhinein Bauholz herzustellen.

Sawmill

Eine interessante Sache und definitiv hilfreich in dieser Umgebung, denn mittels dieser Sawmill konnte Chuck alle seine Häusser und Hütten bauen und darüberhinaus dieses Holz auch verkaufen.

Die Baumstämme bekommt er aus den umliegenden Wäldern, also von seiner Arbeitsstelle sozusagen, wo er in seinem LKW immer mal ein paar Ladungen holt und mich dazu auch gern mitnimmt.

Die dazu verwendeten Maschinen sind wirklich riesig! Aber man muss auch erhebliche Lasten bewegen und da kann ein solch verlängerter Arm hilfreich sein. DIe Fahrt im LKW auf den unbefestigten Strassen ist jedoch eine kurzzeitige Bereicherung, denn nach mehrmaligen Fahrten ist man auf dem besten Wege zum Bandscheibenvorfall. Chuck meint, dass seine Radaufhängung die härteste, aber auch stabilste ist, die man bekommen kann. Wohl bekommt's ...

Was konnte ich sonst noch alles erleben am Chilcotin River?

Chuck versuchte mich die Arbeiten machen zu lassen, die in seinem Geschäft notwendig sind, damit ich einen bestmöglichen Ueberblick erhalte von dem, was in Central BC so abgeht. So durfte ich beispielsweise Stämme entrinden ...

vorher

nachher

... was mit dem richtigen Werkzeug allerhand Spass macht. Danach entfernte ich noch mit einer Kettensäge die Äste und -fortsätze, damit man es beim Zersägten leichter hat. Darüberhinaus durfte ich eine ganze Menge Feuerholz sägen und splitten, was ein recht gutes Ausdauertraining darstellte  ...

... oder an dem grossen Projekt des Hausbaus mithelfen, in welches Kim und Chuck vielleicht bald im Sommer einziehen wollen oder es zumindest an Treeplanter und andere Interessenten vermieten ...

Im Bild sieht man, dass wir gerade an der Dämmung der Unterseite des Hauses arbeiten. Dazu durften wir mehrere grossr Holzrahmen bauen - natürlich vorher noch Bretter aus den zuvor besorgten Baumstämmen zurechtsägen. Das ganze wurde dann mit Plastikfolie innen verkleidet und mit Dämmmatte gefüllt, dann noch mit Dachpappe aussen versiegelt und mit mehr Brettern geschmückt. Ein recht vielseitiger Job und mit Sicherheit eine Freude, bei dieser Arbeit mitgewirkt zu haben.

Manchmal durfte ich auch (ganz im alten Yukon-Style) einen Trail errichten im Bush ...

Dieser Pfad wird ein sogenannter Bird-Watching-Trail, welcher in dieser Umgebung auch wirklich angebracht ist, denn die Vielzahl an Vögeln ist überwältigend! Adler, Raben, Habicht, Falken, Blujays, Redwing-Blackbirds, Kolibries ... unendlich viele! Es war eine Freude den Start für diesen Trail geebnet zu haben! Die Elche fanden es anscheinend auch ganz hilfreich, denn schon einen Tag später sah ich sie den Pfad entlangwandern.

Alles in allem war die Zeit bei Kim und Chuck aber eine Art Urlaub für mich, denn wirklich harte Arbeit gab es selten. Auch mal angenehm, nachdem es auf Haida Gwaii und im Yukon schon etwas härter zur Sache ging Ich genoss die freie Zeit ausgiebig, bekam die Chance viele Bücher zu lesen (kleiner Lesetipp: David Baldacchi - "The Innocent" ... atemberaubend spannendes Buch!), konnte Hund Taylor allerhand Streicheleinheiten verabreichen, beobachte die Riverotter (manchmal sechs auf einmal) beim Spielen am Fluss und freute mich über jeden Trip in der Region. So machte es am meisten Spass den Highway 20 mit netter Begleitperson nach Westen Richtung Bella Coola zu fahren ...

Highway 20

... und im Chilcotin die Dirt Roads zu kleinen und grossen hellblauen Seen und Flüssen entlang zu rauschen ...

Taseko River

... wobei die Seen durch den Wind eher aussahen wie ein Meer und die Wellen eine Art Sandstrand formten am Ufer.

Chilko Lake

Immer umgeben ist man dabei von riesigen Bergen mit weissen Gipfeln, die mit dem blauen Himmel ein atemberaubend schönes Bild liefern! Über sechs Stunden fuhren wir jeweils an mehreren Tagen durch den mittleren Teil von Britisch-Kolumbien, wobei mir spätestens beim Durchfahren des Nemaiah Valleys klar wurde, warum auf den KFZ-Schildern BC's "Beautiful British Columbia" als Aufschrift angebracht ist.

Diese Roadtrips waren einfach toll! Insgesamt gesehen hatte ich in fast einem Monat im Chilcotin nur um die drei regnerischen und bewölkten Tage, der Rest war purer Sonnenschein und blauer Himmel. So etwas hat man auch nicht immer, machte das ganze Erlebnis aber noch besser, als es so schon war!

Das soll nun vorerst der kleine Rückblick auf den Monat März gewesen sein. Vielleicht etwas kurz und nicht so informationsgeladen wie zuvor immer, aber wie gesagt - es war ein ruhiger Monat für mich, dennoch geschmückt mit vielen schönen Erlebnissen und Bekanntschaften mit tollen Leuten! Und einer ganz typisch kanadische Erfahrung, wie man sie sich wohl vorstellt - Wald, schweres Gerät und grandiose Landschaften um sich herum.

Ich bin sehr gespannt, wie die kommende Zeit ausschaut. Die Aufregung und Vorfreude sind auch nach beinahe sieben Monaten jedes Mal noch unfassbar groß. Mittlerweile bin ich derjenige, der Jobangebote erhält und habe mittlerweile die Wahl, wohin ich gehe, um etwas Geld zu verdienen. Eines kann ich euch allerdings schon verraten: Bald geht es zur Abwechslung mal in die große Stadt Mal schauen, wie derartige Zivilisation auf mich wirken wird Momentan bevorzuge ich noch derartige Ausblicke ...

Etwas Großstadtfeeling und Socializing wird aber sicherlich auch gut tun! Zumal schon einige bekannte Gesichter in Vancouver auf einen warten. Ich freue mich schon drauf!

Bis bald und passt auf euch auf! 

“A good traveler has no fixed plans
and is not intent on arriving.”

- Lao Tzu -