Welcome back to Canada - Von der Megastadt auf's Land in weniger als einer Woche

Freitag, 17.10.2014

Der gemeinsame Roadtrip ist (leider) Geschichte, bleibt aber unvergesslich ... Nun geht es auf eigene Faust weiter! Und wie?

Die Planungsphase

New York JFK

Vom JFK Airport New York aus ist dieses Bild entstanden. Einige Tage, bevor die gemeinsame Reise mit Lena zu Ende sein sollte, machte ich mir Gedanken, wie es nun weiter gehen kann für mich. Ich befand mich immer noch im Osten Nordamerikas und ich habe noch einige Ziele, beispielsweise Montreal, Ottawa oder südöstlichere Teile der USA ... Meine Problemkinder heißen - wenn auch momentan noch nicht anwesend - Zeit und Geld.

Mein Favorit war Montreal, jedoch stellte sich die Frage, wie ich dann bestmöglich nach Westen (mein hauptsächliches Zielgebiet) kommen sollte. Manitoba und Saskatchewan sollen nette, anschauliche, jedoch eintönige Provinzen sein. Mit einer Busfahrt von Montreal nach beispielsweise Edmonton hätte ich die Provinzen zwar mal besucht und gesehen, aber auch drei Tage im Bus verbracht. Jeder muss Opfer bringen, und die beiden Gebiete im zentralen Kanada sind meine ersten in diesem Fall ...

Ein Flug war also das angenehmere Fortbewegungsmittel.
Problem in Kanada: Inlandsflüge = teuer. Von den USA aus, insbesondere von New York, wird in Nordamerika aber nahezu jedes Kaff zu erschwinglichen Preisen angeflogen. So auch Alberta und British Columbia. Das nächste Opfer hieß hier also leider Montreal. Von New York entschied ich mich dann für einen Flug nach Alberta, um wenigstens in zwei westlichen Regionen gewesen zu sein.

Endresultat: ich habe vier Tage vorher einen Flug bei WestJet gebucht, zahlte kaum mehr als bei einer ähnlichen Busfahrt und war am Abreisedatum binnen 5 Stunden in Calgary/Alberta.

Die ersten Tage in Calgary

Calgary

Dort kam ich gegen 21 Uhr an und durfte gleich wieder durch die Passkontrolle. Der Grenzbeamte fragte mich die gewöhnlichen Fragen und es entwickelte sich wieder mal zu einer Art Reiseberatung: was man sich denn so anschauen könne und wo die schönsten Fleckchen wären. Dafür war ich dem netten Herren sehr dankbar, dafür dass er mich dann aber zur falschen Gepäckausgabe schickte ... nicht. Dort wartete ich gute 30 Minuten darauf, dass mein Flug mal auf irgendeiner Anzeigetafel erscheint - vergebens. Nach einigem Hin und Her brachte mir dann ein Mitarbeiter des Flughafens meinen Backpack, der anscheinend irgendwo einsam auf mich gewartet hat und zum Glück noch nicht gesprengt wurde.

Der Calgary Transit sollte mich dann nach Downtown zum Hostel bringen. Es war mittlerweile 22.30 Uhr. Die Leute hatten wahrscheinlich Spaß daran, Schilder verkehrt aufzustellen. Folgte man dem Schild "Calgary Transit" am Flughafenausgang, so fand man sich am Ende vor einem Eisenzaun im Nirgendwo wieder. Ein Mitarbeiter zeigte mir schließlich den Weg und wir unterhielten uns etwas. Er fand selbst heraus, dass ich Deutscher sei. Er begrüßte mich nochmals in Alberta und gab mir zu verstehen, dass es hier anders läuft als in den anderen Provinzen. Jaja, 5% Steuern anstatt 13%, viel Ölsandgebiete und jede Menge Cowboyhüte, sagte ich. Fast, meinte er, des Weiteren bezeichnen die Leute Albertas ihre Provinz als eine Art eigenes Land und sie hegen eine gewisse Abneigung gegenüber den anderen Provinzen (Originaltext: "Actually we kind of hate provinces like Ontario or Quebec. They're ugly. Enjoy Alberta!").

Nach diesem freundlichen Gruß fand ich mich bald in Downtown Calgary wieder. Wie gesagt, ich. Sonst war fast niemand auf der Straße um die Zeit. Weder Auto, noch Menschen. Komisch für die viertgrößte Stadt Kanadas, dachte ich mir.

Im Hostel verbrachte ich dann circa eine Woche. Ich genoss die Ruhe und lernte eine Menge Leute kennen. Am meisten fehlen mir mittlerweile Carlos und Fidel aus El Salvador, die immer gut unterhalten haben, gerne für mich kochten und viele Stories hatten ... Oder Kimberly aus Edmonton, die klasse Insider-Informationen geliefert hat und sicherlich in Edmonton nochmals getoffen wird ... Oder das tschechische und kanadische Pärchen aus meinem Zimmer, die einfach nur gut drauf waren ... Selbst die paar Deutschen waren in Ordnung und man denkt nun gern an diese Zeit zurück.

Calgary ist alles in allem eine schöne Stadt. Man sollte nicht zu viel erwarten, dann wird man nicht enttäuscht. Ich genoss jedoch die Mischung aus Großstadt und Ruhe ... Dafür ist es ein nettes Örtchen. Besondere Highlights waren zum einen der Sonnenuntergang von einem erhöhten Punkt aus beobachtet, wobei man die Rocky Mountains im Hintergrund sah.

  Sonnenuntergang Calgary

Zum anderen war es meine erste direkte Konfrontation mit der kanadischen Polizei. Kein Witz. Calgary ist für mich eine der Städte mit der signifikantesten Obdachlosigkeit. Eines Tages war diesbezüglich auf einer Straßenseite sehr viel los und ich entschloss mich, die andere Seite des Fußweges zu benutzen. Diese war halbherzig mit einem Schild "Sidewalk closed" abgesperrt. Na ja, im Notfall wirds schon mal möglich sein ... War ja auch nur eine ruhige Baustelle hinter dem Zaun und der Absperrung. Als ich den Weg aber zur Hälfte hinter mir hatte, kam ein Officer über die Straße gerannt und hielt mich an. Ob ich das Schild nicht gesehen hätte. Hatte ich. Ob ich lesen könne. Kann ich. In diesem Moment kam sein Kollege neben mich gefahren, mit Blaulicht. Seh ich mit Rucksack, dicken Klamotten und Einkaufstüten (voll und auf dem Boden stehend) aus, als könne ich weg rennen?! Der im Auto Sitzende schlürfte genüsslich aus seinem Tim-Horton's-Becher und hatte die andere Hand typisch amerikanisch an der Waffe. Na super.
Der Officer gab mir dann zu verstehen, dass eine Benutzung dieses Weges eine Strafe von 35 $ bedeutet ... Na gut, in Deutschland wäre die Benutzung vielleicht simpler und ungefährlicher gewesen, das ist hier aber ein anderes Land, andere Sitten, ich zahl den Mist und dann ist gut. Vielleicht schaltet er ja dann auch die Lichter aus und nimmt die Hand vom Abzug.
Er wiederholte dann nochmal zur Begründung das Strafmaß und ich verstand nun 350 $. Das war mir dann doch bisschen viel. Er wollte meine ID sehen. Er erkannte EU und Deutschland. Er versuchte Deutschland auszusprechen. Er bekam es gut hin. Ich war verwundert. Er hatte schon den Stift gezückt und wartete nur darauf zu notieren. Er fragte mich aus welchem Teil von Deutschland ich komme. Ab diesem Moment nahm das Gespräch eine positive Entwicklung an. Der Officer meinte, er habe mal für paar Jahre in Deutschland gelebt. Meine Chance! Wir redeten ein bisschen und die Atmosphäre entspannte sich. Er steckte sogar den Stift weg. Zum Ende hin gab er mir noch zu verstehen, dass Alberta recht strikte Gesetze hat. Strafen fallen dementsprechend hoch aus. Er fragte nach meinem Wohnort in Calgary und danach hagelte es noch allerhand Stadttipps. Das Knöllchen schien vom Tisch. Yeah! Wir wünschten uns noch einen schönen Tag und die beiden fuhren wieder davon. Ich durfte den Weg noch fortsetzen, hatte nach dieser Aktion meine Tagesration Adrenalin und Nervenstrapazen schon aufgebraucht und stellte nichts mehr an. Seit dem gucke ich nun bei jeder Ampel, Kreuzung und Wegbeschreibung doppelt hin 

Hallo erster Job

So gut mir Calgary auch gefiel, es musste weiter gehen und ich hatte für Oktober einen Job auf einer Farm bekommen. Man kann es in der Stadt aushalten, allerdings nur, wenn man einige Tage bleibt oder dann für lange Zeit einen Job hat. In meinem Fall war eine Woche genug. 

So setze ich mich bald in den Bus und fuhr 2 Stunden gen Norden, das Ziel hieß Red Deer und liegt zwischen Calgary und Edmonton.

Von dort wurde ich dann von den Gastgebern abgeholt und hatte meine erste Tour in einem riesigen Pick-Up-Truck. Geiles Teil und insgeheim sowas wie mein Wunsch gewesen, damit abgeholt zu werden !
Die Farm, auf der ich mich mittlerweile noch befinde, ist wahnsinnig toll. Angefangen vom Haus und der Familie bis hin zur abwechslungsreichen Arbeit auf Feld und Hof ... Es kommt nie Langeweile auf und ich genieße jeden Tag. Auf diese Art werde ich den Oktober auf jeden Fall noch ausgestalten. Im Dezember habe ich eine weitere Farm schon angefragt und eine Zusage bekommen. Für November habe ich noch keine konkreten Pläne, Calgary lehrte mich aber, dass Spontanität lustig und preiswert sein kann.

  BillyCo Junction Gardens

Die Arbeit hier ist höchstwahrscheinlich genau das, was man sich unter einer Farm in Nordamerika vorstellt. Jeden Tag hat man eine andere Arbeit zu erledigen.
So durfte ich schon Knoblauch pflanzen, die letzten Erträge (Kartoffeln, Zwiebeln, Salat, Petersilie, Karotten, ...) vom Feld holen -wobei auffällig ist wie robust das Zeug ist, denn wir hatten schon öfter Frost- und anschließend alles säubern und zum Verkauf vorbereiten.
Wusstet ihr beispielsweise, dass es wahnsinnig viele verschiedene Kartoffelsorten gibt? Allein auf dieser Farm durfte ich schon mehr als 15 Varianten kennenlernen und zusammentragen ... von Carlton über Red Star bis hin zu Russian Blue und Viking oder Irena war alles dabei.
Wisst ihr des Weiteren, dass man Pflanzen am besten bei abnehmenden Mond, also nach Vollmond erntet? Kartoffeln zum Beispiel, die beim Ausgraben mit der Maschine verletzt worden, heilen sich bestmöglich in dieser Phase. Erstaunlich, was man hier noch so mitbekommt!
Nebenbei darf man immer noch Labrador Tiko und Dackel Molly bespaßen und die süßen Katzenbabies kraulen.

Salty und Pepper Molly Tiko

Nach 6-7 Stunden ist ein Arbeitstag dann rum und der restlichen Tag wird je nach Belieben gestaltet, meist mit Tischtennis, Billard oder Ruhe bewahren in Albertas Natur. Letztens war ich auch mal Fahrrad fahren und durfte 15 Kilometer bis zur nächsten Zivilisation zurücklegen. Ein Tim Horton's war dennoch in diesem Kaff vorzufinden.

  Radtour durch Alberta

Die Gastfamilie ...

... ist mit den Worten "Glücksgriff" sehr wohlwollend beschrieben 
Der etwas in die Jahre gekommene Bill (Vater von drei Kindern, die alle in den Dreißigern sind) ist noch top fit und erzählt sehr gerne. Dabei haut er einen lustigen Spruch nach dem anderen raus und es ist eine Freude ihm zuhören zu können, sei es auf dem Feld oder beim Abendessen. Man bekommt dadurch viel vom kanadischen Leben von früher und heute mit.
Seine Frau Edie ist ruhiger, aber wahnsinnig nett und liest einem nahezu jeden Wunsch von den Augen ab. Auch sie mischt im täglichen Farmleben kräftig mit. Hungern muss man bei ihr auch nicht, dafür übertrifft sie sich täglich auf's Neue mit ihren Menüs.
Am Sonntag wurde Thanksgiving gefeiert, traditionell gab es einen riesigen Vogel und allerlei leckeres Essen drum herum. Klasse, auch das mal miterlebt zu haben. An besagtem Tag kam auch der Sohn Chris mit seiner Frau und den fünf (!) Kindern. Kanadische Winte müssen hart sein. Mit diesem Spaßvogel machte der Abend gleich noch mehr Spaß und es war schade, als alles vorbei war.
Edie und Bill haben noch zwei erwachsene Kinder und eine kleine Adoptivtochter namens Trinity, die mit uns im Haus lebt. Sie ist genau das, was man sich unter einem acht Jahre altem Maedchen vorstellt: aufgeweckt und neugierig.
Nebenbei gibt es immer einige andere WWOOFer (WWOOF = Worldwide Workers On Organic Farms) wie mich, die immer mal zwei bis drei Wochen bleiben. Momentan sind es Magdalena aus Deutschland und Charlotte aus Frankreich. Langeweile ist in diesem Haus also Fremdwort! 

Auf dieser Farm werde ich also sicherlich noch einige Zeit zubringen können. Gastfreundschaft, Location und Spass an der Arbeit halten mich hier 

In ein paar Wochen werden wir vielleicht sehen, wo mich mein Weg bald hin führt oder -sollte ich keinen neuen Blog schreiben bis dahin- wohin er mich schon geführt hat.

Bis dahin genieße ich die Zeit in Lacombe bei Familie Biel 

  Lacombe, Alberta