Wie aus einer anderen Welt

Donnerstag, 26.02.2015

Das war's dann wohl erst einmal im Yukon ... oder?

Nach einer langen und aufregenden Zeit im Yukon ging es Ende Januar weiter Richtung Süden. Zumindest war das am Tag der letzten Blogveröffentlichung der Plan. 18 Uhr sollte der Bus abfahren. Unser Gepäack war schon verladen und wir warteten auf's Boarding, als der Schneesturm und Blizzard, welche schon den ganzen Tag in Teslin und Watson Lake wüteten, Whitehorse erreichten und Greyhound Canada uns mitteilte, dass der Bus nicht fahren würde, da nun die gesamte Route zu riskant wäre. Zum Glück war Sue noch immer bei uns und wir hatten die Möglichkeit, die kommenden Tage und Nächte bei jemanden unterzukommen - andere im Busdepot hatten da anscheinend weniger Erfolg und machten ihrem Unmut Luft ... schnell weg. Allerdings hatten wir danach nichts weiter zu tun, zumindest nichts Sinnvolles. Nun ja, zwei Tage später konnte ich dann sagen, dass ich mittlerweile viele Bars und versteckte Ecken von Whitehorse kenne  

Nachdem der Bus nicht fuhr, gönnten wir uns ein grandioses Dinner im Gold Rush Inn (Canadian Pizza, vier verschiedene Sorten Chicken Wings, Eis und natuerlich Yukon Beer). Am Tag darauf fanden wir uns im Dirty Northern wieder. Und um alles abzurunden, schauten wir den Film American Sniper (welcher richtig gut inszeniert ist, leider noch nicht in Deutschland) im Kino und statteten Boston Pizza noch einen ausgiebigen Besuch ab. Absolutes Hightlight: ein Doughcano nach Variante Boston Pizza. Eine große Kugel Pizzateig, gefüllt mit purer Schokolade und viel Sahne. Gelungener Zeitvertreib also!

Doughcano Boston Pizza

Am Freitag, unserem eigentlichen Ankunftstag in Prince Rupert, konnten wir gegen 18 Uhr endlich von Whitehorse aus nach Sueden starten. Glaubt mir, nach so einer langen Zeit fiel es einem wirklich schwer, die Stadt, die Farm und die Familie hinter sich zu lassen und neue Wege zu gehen. Aber die Zeit ist limitiert und es war ganz sicher kein entgueltiges Auf Wiedersehen.
Es ging den selben Weg, den ich schon Mitte November Richtung Norden gesehen habe, zurueck. Zwei volle Tage im Bus. Bill war begeistert. Na ja, eigentlich weniger. Es war seine erste richtig lange Busfahrt und spaetestens nach einem Tag hatte er die Nase voll. Was tut man nicht alles fuer ein paar Reiseerlebnisse. Da konnte auch der traditionelle Halt in Buckinghorse River mit extragrossem Baconburger seine Laune kaum aufheitern. Mir gefiel die Fahrt relativ gut. Ich koennte mir nichts besseres vorstellen, als den Alaska Highway entlang zu fahren und die Wildnis zu bestaunen.
Bald waren wir dann wieder auf dem in etwa selben Breitengrad wie Edmonton und von da an war der Weg nach Westen auch mir neu und unbekannt. Ein paar Stunden spaeter gab es einen kurzen Aufenthalt in Prince George, der "Hauptstadt" von Northern British Columbia. Nun gut, es war dunkel und viel haben wir nicht wirklich mitbekommen. Der Schnee wurde allerdings weniger und die Temperaturen stiegen bemerkenswert schnell.
Der letzte Teil bis zur Westkueste fuehrte durch Staedte wie Terrace und Smithers. Die Berge wurden steiler und als wir in Prince Rupert, der Endstation der Busfahrt ankamen, erwartete uns eine Kuestenstadt, umringt von hohen Felsen und Bergen - nichts mit flacher Kueste und Strandatmosphaere. Rupert ist eine typischer Fischerstadt. Kutter ueberall, ein rauer Umgangston und miesepetrig dreinschauende alte Maenner. Immerhin, nur sechs Stunden Aufenthalt ...
Wikipedia informierte uns, dass von 365 Tagen im Jahr nur vier Tage mit Sonnenschein in Prince Rupert zu erwarten sind. Es regnete zwar nicht, die Wolken haben sich den ganzen Tag ueber aber auch nicht verzogen. Demnach war es eher ein grauer und trueber Eindruck, den Rupert uns vermittelte. Nichtsdesotrotz, das Meer und die Temperaturen waren eine gelungene Abwechslung, nachdem wir zwei Tage zuvor noch mit Schnee und Kaelte zu kaempfen hatten.
Gegen 22 Uhr legte die Faehre Richtung Haida Gwaii ab. Die See war recht ruhig und viel passierte bis zur Ankunft in Skidegate (sprich: "Sgiddegett") auch nicht. Leider war diese Faehre absolut kein Vergleich zu jener in Boston, die mit mehr als 200 km/h ueber das Wasser schoss. Die Nacht im Freien zu verbringen machte also wenig Spass. Von 22-6 Uhr war Schlafenszeit und die genossen wir nach den vorhergehenden schlaflosen Naechten im Bus auch in vollen Zuegen.
Als die Crew uns am Morgen kurz vor Ankunft im Hafen aufweckte, war es draussen noch dunkel und man konnte nur Lichter in der Ferne die ehemaligen Queen Charlotte Islands ankuendigen sehen.

Auf zu neuen Ufern

Nachdem wir die Faehre verlassen hatten, erwartete uns schon unser neuer Gastgeber, Pete. Im netten und nagelneuen Ford F-150 Pickup Truck ging es ins sieben Kilometer weiter westlich entfernte Queen Charlotte City, wo wir den Tag vebrachten, da Pete arbeiten musste.

Haida Gwaii teilt sich auf in zwei Hauptinseln: Moresby island im Sueden, wo man hauptsaechlich den Gwaii Haanas Nationalpark vorfindet, und Graham Island im Norden, auf welcher sich die Mehrheit der Bevoelkerung der circa 5000 Menschen konzentriert.

Sehr dominant sind auf dieser Inselgruppe die sogenannten Haida, also die kanadischen Ureinwohner dieses Teils der Westkueste. Sie machen einen grossen Teil der Bevoelkerung aus (etwa 50%) und ihre Kultur und ihr Lebensstil lassen sich im taeglichen Leben perfekt wiederfinden. Besonders schoen anzuzsehen sind die fuer die Haida wichtigen Totempfaehle, die man unter anderem in den Vorgaerten der meisten Haeuser sieht. Sie repraesentieren eine Art Stammesfolge und Familienstammbaum, dienen aber auch einfach als Symbol der Staerke fuer Haida.

Der erste Tag in Charlotte war sehr aufregend. Man kam in Kontakt mit einigen Einheimischen und entdeckte kleine Coffee-Shops, wanderte den Strand entlang oder beobachtete die Seeloewen im Meer.

Seelowen vor Charlotte

All das vermittelte einen tollen ersten Eindruck. Einen beruehmten kanadischen Tim Horton's sucht man auf Haida Gwaii vergeblich, die Vorgaben dieser Kette kann man hier nicht erfuellen, da nur einmal woechentlich (montags) ein Schiff mit Lebensmitteln fuer die kleinen Supermaerkte ankommt und das fuer die Woche reichen muss. Deshalb meinte Pete auch als erstes wir sollen uns ueberlegen, was wir alles benoetigen, da Montag, Dienstag und eventuell Mittwoch die einzigen Tage sind, an denen man Milch, Obst, Gemuese und andere frische Lebensmittel erhalten kann. Danach sieht es damit knapp aus, wenn nicht sogar unmoeglich. Da kamen gleich mal wohlbekannte Erinnerungen aus dem Yukon wieder hoch Genau die Art von "Am Arsch der Welt leben", welche Bill und ich gewohnt waren.

Hallo, neues Zuhause

Am spaeten Nachmittag nahm er uns dann mit Richtung Norden zu unserem neuen Zuhause in der kleinen Gemeinde Tlell (sprich: "Tellell"). Uns erwartete eine kleine private Cabin ...

... die einfach nur perfekt war! Man hatte Propangas, einen Holzofen, Strom und fliessend Wasser. Alles was man benoetigt, um mehr als gut zu ueberleben. Im Vergleich zu unserem Leben im Yukon war das schon Luxus.

Die Farm an sich ist ein wirklich schoenes Fleckchen Land mitten im Wald.

Der Wohlfuehlfaktor war sehr hoch, ganz einfach, da man sich wie im Paradies fuehlte. Um sich herum war alles gruen und lebendig. Haida Gwaii ist wahrhaftig ein Regenwald und man ist von Leben umgeben.

Bald nach dem Einzug in unser Haus durften wir Pete's Frau Jenna, Tochter Isabella und Oma Judy kennenlernen, allesamt sehr liebenswerte Personen. Jenna ist Lehrerin in Charlotte, waehrend Pete in Charlotte in der Regierungsbranche fuer Fischerei die Leitung hat. Judy arbeitet als Krankenschwester und ist einfach nur fuersorglich, wie eine Oma sein sollte Jedoch hat sie eine Schwaeche fuer Bourbon, weshalb sie des oefteren mit Bill in unserer Cabin einen langen Abend bei einigen Glaesern Jim Beam verbrachte.
Isabella ist ein Teenager mit einer grossen Schwaeche fuer Pferde. Ihre beiden, Moon und Amber, wurden uns dann auch gleich vorgestellt und es war genial zu sehen, wie viel Isabella fuer ihr Alter schon auf dem Kasten hat beim Umgang mit Pferden. So hatten wir von Zeit zu Zeit tolle Ausritte zum Strand auf den Ruecken von Moon und Amber. Vielen Dank dafuer!

Insgesamt verbrachte ich vier Wochen mit dieser Familie. Bill verliess Haida Gwaii planmaessig nach zwei Wochen, um nach Sueden bis nach Los Angeles zu reisen, um dann rechtzeitig fuer einen Geburstag wieder in England ueberraschend aufzutreten. Es war ein Genuss mit dir zu reisen, mein britischer Freund, auch an dieser Stelle nochmals besten Dank dafuer und wir sehen uns im Sommer!

In den vier Wochen auf der Perrydise Farm konnte ich einiges an Farming dazulernen, insbesondere im Umgang mit Pferden, die es taeglich zu pflegen galt. Fuettern, Hinterlassenschaften entfernen, Zaeune checken und Streicheleinheiten. Alles, um das Pferdeleben angenehm zu gestalten.
Den groesseren Teil meiner Zeit verbrachte ich aber damit, Pete bei seinen Projekten zu unterstuetzen. So war es mein Job Baueme zu faellen, um der Farm mehr Sonnenlicht zu verleihen, den ganzen Mist dann zu verbrennen oder zu stapeln, gemeinsam mit Pete und Bill Graeben zu graben, um neue Leitungen zu verlegen, die Zaeune der Pferde zu reparieren oder beim groessten Projekt zu helfen - ein Haus restaurieren. dazu musste auch allerhand gebuddelt werden oder man mischte Beton fuer Fundamente, setzte Balken neu ein und reparierte das Dach. So kann ich alles in allem doch sagen, dass diese Zeit sehr gut investiert war, da man doch einiges Neues dazulernte oder seine Kenntnisse immerhin vertiefte.

Als Dank fuer die Arbeiten liess sich Pete auch immer etwas Nettes einfallen und so erlebte ich allerhand tolle Sachen auf Haida Gwaii. Sei es per Fahrrad, zu Fuss, mit dem Boot oder Pete's Truck. Haida Gwaii ist flaechenmaessig ueberschaubar und man kann so einiges entdecken in vier Wochen.

Das Paradies vor der Haustuer

Insbesondere der einige Gehminuten entfernte Strand war ein Highlight. Man konnte fix am Morgen zum Strand radeln und den Sonnenaufgang bewundern ...

... oder den Strand auf- und ablaufen auf der Suche nach japanischen Glaskugeln, die noch vom Tsunami 2011 angespuelt werden oder man wartet bis das Wasser sich zurueckzieht und entdeckt die Meeresbewohner hautnah ...

Zu Hause in Deutschland ist das Meer ja schon einige Kilometer weiter entfernt, von daher habe ich diesen Luxus hier ganz sehr genossen. Natuerlich birgt es auch Risiken. Tsunami- und Erdbebenwarnschilder mit angegebenen Evakuierungsrouten findet man hier massenhaft und bei einem groesseren Sturm, wovon ich zwei erleben durfte, kommt das Wasser schon sehr nahe, der Wind bringt die Baeume bedenklich zum schwanken und der Strom faellt hin und wieder mal aus. Dennoch, ein akzeptables Opfer fuer diese Naturschauspiele direkt vor der Haustuer.

Eine weitere Freizeitaktivitaet war das Wandern, was meist kombiniert wurde mit Rad- oder Kanufahren in der Umgebung. Dabei konnte man recht tief in die Waelder vordringen und sah schon mal echte Riesen ...

300 Jahre alte Zeder

Dieses Exemplar ist eine rote Zeder und ist ungefaehr 300 Jahre alt. Groessen- und alterstechnisch rangiert dieser Baum auf Haida Gwaii im Mittelfeld (!!!). Eine Fichte beispielsweise benoetigt hier nur 30 Jahre um eine Hoehe von 30 Metern und einen Stammdurchmesser von etwas weniger als einem halben Meter zu erreichen. Die Jahresringe sind dementsprechend gross und das Holz nicht wirklich hart, anders beispielsweise eine Fichte im Yukon. Je aelter der Baum, desto langsamer waechst er und desto enger und dichter werden die Jahresringe - die Haerte des Holzes vergroessert sich.

Des Weiteren entspannt man einfach am Tlell River ...

... (nicht gestelltes Bild) ... oder checkt den Strand noch etwas genauer aus und findet ein altes Schiffswrack ...

Pesuta

... nun gut, Isabella fuehrte mich da hin . Die Pesuta strandete hier vor mehr als 100 Jahren und ist komplett aus Holz. Leider ist nur noch der vordere Teil erhalten. Der Rest wurde von Menschen abgetragen oder vom Meer wieder weggeschafft. Nichtsdestotrotz kann man das Wrack erklimmen und hat von dort einen tollen Ausblick.

Diesen bekam ich auch an der noerdlichen Kueste von Graham Island in der Umgebung  der Stadt Masset. Diese Gegend ist besonders bekannt fuer Surfen, da der Northbeach perfekte Wellen bietet.

North Beach

Die Region ist relativ flach, es gibt nur eine groessere Erhebung, genannt Tow Hill, und die ist sage und schreibe 126 Meter hoch.

Tow Hill

Na ja, immerhin einen netten Ausblick auf Masset Inlet und ich erwischte einen guten Tag und sah sogar etwas in der Ferne die suedlichen Auslaeufer von Alaska. Im Osten, also am Strand von Tlell kann man bei guten Bedingungen auch das kanadische Festland sehen. Die Zivilisation ist also nicht weit entfernt.

Auch kulinarisch hat diese wunderschoene Insel einiges zu bieten gehabt. Natuerlich gab es des oefteren typisches Seafood, beispielsweise selbstgefangene Krabben, Lachs (genannt Salmon) oder selbstgemachtes Sushi.

Bill und Pete

Sushimania

Krabbenfalle

Krabben fangen macht darueberhinaus riesig Spass. Im oberen Bild sieht man eine typische Falle mit Koeder. Diese liegt auf dem Meeresgrund und die Krabbe kann in den Kaefig hinein, aber nicht wieder heraus. Eine Boje zeigt an der Wasseroberflaeche, wo man zu suchen hat. Man zieht den Kaefig an Bord, faellt dabei besser nicht aus dem Boot, und wird dann meist von einigen Krabben ueberrascht. Anschliessend kontrolliert man das Geschlecht, denn nur die maennlichen Exemplare duerfen behalten werden. An der Unterseite vom Tier ist eine Art Geschlechtssymbol, welches beim Maennchen typisch maennlich ausschaut, beim Weibchen hingegen etwas breiter und eckiger. Bei drei Kaefigen hatten wir Glueck und nur zwei Weibchen, dafuer aber acht Maennchen. Das Abendessen war somit gesichert. Meine erste selbstgefangene Krabbe. Danach durfte ich auch noch fuer die Zubreitung verantwortlich sein. Dazu musste die Krabbe leider dran glauben. Dafuer gibt es zwei Wege: Man kann sie einerseits lebendig im ganzen kochen, muss dann im Anschluss aber noch die Innereien und das ganze Geglibber irgendwie herausbekommen. Pete und ich entschieden uns fuer Variante Nummer 2. Dazu wird die Krabbe auf einen harten Gegenstand geschlagen, um die Schale zu brechen. Trifft man an der richtigen Stelle, hat man den gewuenschten Instant Kill und die Krabbe merkt von allem gar nichts. Anschliessend entfernt man das Ungewuenschte und hat zwei Krabbenhaelften mit jeweils vier Beinen, die nun in den Topf wandern. Krabbe schmeckt unwahrscheinlich gut und ich kann es jedem nur empfehlen. Am besten die ganze von mir beschriebene und erlebte Prozedur auch noch machen, dann weiss man im Detail, wie man ans Abendessen kam

Selbst ist der Mann!

Das selbstgefangene Futter schmeckt immer noch am besten. Man sieht wo es herkommt und wie es verarbeitet wird, was einem wahrhaft ein angenehmes Gefuehl beim Essen verschafft. Pete nahm mich oft mit auf's Boot zum Fischen, Krabbenfangen oder Jagen. Beim ersten Hunting-Ausflug sprach er des oefteren aber vom Shopping, da es sehr einfach sein soll, auf Haida Gwaii Deer, also Rehe und Hirsche zu jagen. Diese Tiere wurden vor etwa 100 Jahren auf die Insel gebracht. Sie gehoeren also nicht zum natuerlichen Oekosystem, haben kaum natuerliche Feinde und vermehren sich wie verrueckt. Gleiches Problem hat man mit Waschbaeren, Ratten und Eichhoernchen. Man rechnet momentan mit etwa zwei Millionen Deer auf der gesamten Flaeche der Queen Charlotte Islands. Das ist eine stolze, vielleicht schon beaengstigende Anzahl im Verhaeltnis zu Menschen, Baeren und anderen wenigen Fressfeinden.

Demzufolge sind sie auch in grosser Menge zum Abschuss freigegeben, gut fuer Hobbyjaeger wie Pete. Fuenf pro Tag und 15 im Jahr sind je Person mit Jagdlizens erlaubt. Wie gesagt, Pete nannte es beim ersten Mal Shopping und wir fuhren mit seinem Truck und einem Gewehr Richtung Norden ins Hinterland von Port Clements. Und wir blieben zu Bills und meiner Verwunderung auch im Truck und hielten Ausschau nach den Hirschen. Wir haben ja im Yukon gelernt, wie man erfolgreich jagen geht und wenn etwas zaehlt, dann ist es Ruhe, Stille und Geduld und selbst dann ist es noch immer ein Kunststueck etwas zu erwischen. Und wir fuhren mit einem Truck durch den Wald und hofften offensichtlich auf ein ausserordentlich bescheurtes Tier, welches beim Anblick des anrollenden Trucks stehen bleibt und womoeglich noch seine Kumpels herbeiruft, nur um uns dann noch Zeit zu geben die Waffe zu laden und ihnen den Gnadenschuss zu verpassen. Wir sagten Pete nichts von unseren Zweifeln, gaben uns aber zu verstehen, dass das nichts werden kann und vier Stunden spaeter hatten wir Gewissheit ... das wird so nichts. Na ja, immerhin haben wir etwas von Haida Gwaii gesehen. Jedoch kehrten wir mit leeren Haenden wieder heim. Das mit dem Shopping war wohl nichts. Dann muessen wir wohl doch eher zum Hunting uebergehen. Und das taten wir dann auch.

Nach Bills Abreise fuhren wir zum einen ins Skidegate Inlet, wo es aufgrund der vielen Boote und Menschen aber wenige Deer zu sehen gab, geschweige denn eines vor's Fernrohr lief. Die Natur war dafuer umso schoener und bei fruehlingshaften Temperaturen machte es Laune, ueber's Wasser zu schiessen, allerlei Voegel und Fische um sich herum zu beobachten und von Zeit zu Zeit auch einfach nur im Wasser zu treiben und den Himmel ueber sich zu beobachten und bei vorrueberfliegenden Flugzeugen zu raetseln, ob es denn von Richtung Vancouver oder von Asien kommt.

Skidegate Inlet

Im Masset Inlet im Norden von Graham Island hatten wir dann aber mehr Glueck mit Hirschen. Auch die Bedingungen waren besser. Wir starteten 7 Uhr morgens in Tlell, luden das Boot auf und packten alles Notwendige zusammen: Gummistiefel, ein paar Schichten Kleidung, Sonnenbrille, Gewehr und Kugeln, Messer, Fernglas, Benzin, etwas Proviant und eine gehoerige Portion Motivation. Eine Stunde spaeter waren wir dann auf dem Wasser. Auch das Wetter war ideal, leicht bewoelkt und -1 Grad Celsius, die Sonne kuendigte sich schon an fuer den Vormittag.

Masset Inlet

Das war perfekt, denn die Tiere wuerden nach dem kuehlen Morgen ans Ufer kommen, um zu trinken und die Waerme der Sonne zu geniessen. Unsere Vorhersage war richtig. Schon kurz nach dem Ablegen sahen wir erste Bewegungen in den Uferbereichen. An Bord gab es verschiedene Aufgaben.

Pete und ich

So musste immer jemand mit dem Fernglas (bei fahrendem Boot) Ausschau halten, einer musste das Boot steuern. Sobald man einen Hirsch oder ein Reh sichtet wird abgewaegt, ob es die Groesse wert ist - eine moralische Sinnfrage also, ob man ein Kitz schiesst oder es lieber im kommenden Jahr nochmals versucht. Danach muss einer das Boot in gleichmaessigem Tempo Richtung Strand fahren, dabei darf sich Geschwindigkeit nicht aendern, da einerseits ein sich aenderndes Motorengeraeusch dem Tier auffaellt und es verschrecken kann und man auch den Wellen zuvor kommen moechte, damit diese nicht das Zielen beeintraechtigen. Nebenbei muss man aber auch geradewegs auf das Ziel zusteuern und den Grund unter sich beobachten, um nicht mit dem Rumpf aufzusetzen. Waehrenddessen zielt der andere vom vorderen Teil des Bootes mit dem Gewehr und wartet auf die ideale Distanz und Ruhe. Um den Respekt vor den Tieren beim Jagen zu bewahren, will man ihnen jegliches Leid ersparen und moechte den sogenannten "Instant Kill", das Tier merkt also rein gar nichts und man bringt es schnell hinter sich.

Die perfekten Konditionen ermoeglichten uns die volle Ausnutzung des Tageslimits und so lagen am Ende fuenf Tiere im Boot. Ein erfolgreicher Jagdausflug also, kein Shopping allerdings, denn es war etwas Arbeit notwendig.

Geht man bei Dingen wie diesen mit einer gewissen Portion Respekt mit Tier und Umwelt um, muss man sich keine moralischen Vorwuerfe machen oder machen lassen.
Das war diese Erfahrung, die ich mittlerweile machen durfte. Von einigen Leuten - auffallend vielen Nicht-Vegetariern - durfte ich mir sagen lassen, wie schlimm diese Sache mit dem Jagen doch sei und dass man so etwas doch wirklich nicht machen muss, geschweige denn so offen darueber sich aeussern. Ich frage mich dann immer, ob diese Leute ihre geliebten Steaks vorher liebevoll zu Tode streicheln oder wie sie denn an ihren sonntaeglichen Braten kommen ... Ich finde es etwas verwirrend, auf der einen Seite eine respektvoll durchgezogene Jagd mit dem zu erwartenden Tod eines Tieres so vernichtend zu verurteilen, auf der anderen Seite jedoch die Fleischprodukte der moralisch fragwuerdigen Massenproduktion - mit grausamen Bedingungen fuer die Tiere - zu kaufen. Die dort vorherrschenden Umstaende und wie Tiere herangezuechtet und umgebracht werden liegen meiner Meinung nach Welten von dieser von mir beschriebenen Art der Nahrungsmittelbeschaffung entfernt. Diese Denkweise konnte mich schon im Yukon ueberzeugen und auch hier ist es fuer mich als Fleischliebhaber die reinste, respektvolle und moralisch nachvollziehbarste Variante, um dem Salat auf meinem Teller eine sinnvolle Beilage zu verschaffen.

Aber zurueck zum eigentlichen Ausgangspunkt. Nachdem wir mit geladenem Pickup Truck wieder zu Hause ankamen, war gewissermassen Erleichterung auf Judy's und Jenna's Gesichtern zu sehen, denn durch unsere Arbeit muss man sich nun fuer das kommende Jahr keine Gedanken um Fleischmahlzeiten machen und kann sich von Discountprodukten aus dem Supermarkt distanzieren. Mission erfuellt, sollte man meinen.
Bis Mitternacht verbrachten Pete und ich die Zeit damit, die Hirsche und Rehe zu haeuten und zum eigentlichen Verarbeiten vorzubereiten.
Circa eine Woche spaeter setzte dann ein gewisser Reifeprozess beim Fleisch ein und wir begannen mit dem eigentlichen Auseinandernehmen. Hierbei war es von Vorteil, dass mir Dale auf der Pelly River Ranch alles diesbezueglich beigebracht hat und es gab ein zufriedenstellendes Ergebnis. Pete hat ein eigenes kleines Smokehouse, wo er Sachen raeuchern kann. Wir hatten zuvor schon mal Southern Style Ribs probiert und wow, Louisiana und Alabama waeren stolz auf uns. Allerdings testeten wir diese Ribs um 1 Uhr morgens. Sie waren zu diesem Zeitpunkt zwar perfekt durch - scharfwuerzige Ribs um diese Uhrzeit verzeiht der Koerper aber niemanden ... auch Lachs war vorher schon gelungen in diesem Smokehouse, was im Grunde nur ein kleines Holzhaeuschen mit integrierter Feuerstelle ist. Bevorzugt werden als Holz Apfel- oder Kirschbaum und dann braucht man nur Zeit und Geduld.
An meinem letzten Abend konnten wir hauseigene Wuerste machen, was mit ein paar Glaesern Wein ein riesen Spass war. 50 Kilogramm Fleisch verarbeiteten wir in dieser Nacht und konnten es gegen Mitternacht ins Smokehouse haengen.

              

Fazit?

Zusammenfassend kann ich erneut sagen, dass sich diese Reise hierhin absolut gelohnt hat. Die Familie hat er mir grandiose Dinge ermoeglicht und mir Haida Gwaii so nahe gebracht, wie es nur geht. Vielen Dank dafuer! Ich hoffe, wir sehen uns wieder!

Everybody Smile :)

Haida Gwaii hat mir einen Monat lang eine komplett andere Seite von Kanada gezeigt. Eine, die man beim Wort Kanada vermutlich gar nicht gleich in Betracht zieht. Regenwald auf einer Insel suedlich von Alaska. Sachen gibt's ... Ich bin sehr gluecklich sie gesehen zu haben und werde Haida Gwaii positiv im Gedaechtnis behalten. Wer immer die Chance hat, diesen Teil der Welt zu sehen .. tut es! Investiert das Geld fuer die Faehre und lernt Kanada und einen anderen Zweig seiner First Nations kennen!